Argumente aus der Mottenkiste

Früher gab es kurze Wetterberichte mit eindeutigen Ansagen: »Hier ein T, dort ein H, 20 Grad und Regen«. Nach Kachelmanns Auftauchen auf dem Bildschirm wurde plötzlich Unterricht in Wolkenkunde und Schneeflockenanatomie erteilt und am Ende der Sendung wusste ich immer noch nicht, ob es am nächsten Tag nun heiß oder kalt werden sollte. In meinen Augen war dieser Mann einfach ein Langweiler mit einem bizarren Interesse – für die Meteorologie.

Unter anderen Umständen wäre so vielleicht auch die Nachricht von seiner Festnahme an mir vorbeigerauscht. Doch zufällig hatte ich diesem Zeitpunkt gerade damit begonnen, für einen neuen Krimi Pressemeldungen über Vergewaltigungen zu sammeln. Außerdem war ich noch ziemlich sauer über den Umgang der Medien mit Margot Käßmann gewesen. Was früher allenfalls der Boulevardpresse eine Schlagzeile wert gewesen war, gehört heute auch bei den sogenannten seriösen Nachrichten zu den Topthemen.

Trotzdem habe ich es bis letzten Sonntag so gut wie möglich vermieden, mich mit Kachelmann zu beschäftigen. Eigentlich kannte ich nur den Vorwurf, dass er seine Freundin vergewaltigt haben soll. Und dazu habe ich eine klare Meinung: Ob das stimmt, müssen polizeiliche Ermittlungen bzw. ein Gerichtsverfahren klären. Sollte er ein Vergewaltiger sein: dann ab mit ihm in die forensische Psychiatrie! (Knast halte ich bei Sexualstraftätern für reine Geldverschwendung.)

Erst einige Äußerungen in der Sendung von Anne Will haben mich veranlasst, über diesen Fall im Internet zu recherchieren. Wenn ich es einigermaßen richtig verstanden habe, sind Kachelmann und seine Freundin mehr als elf Jahren lang ein Paar gewesen. Er hielt nichts von Treue und stand auf (BD?)SM. Sie angeblich nicht. Schließlich kam zu jenem Ereignis, das sie als Vergewaltigung bezeichnet, während er von einvernehmlichem Sex spricht.

Bei Emma Online schrieb ein gewisser Herr Karasek: »… dass Kachelmann seine Gespielin, die, psychisch schwach, sich nur anfangs wehrte, bei Peitschen- und Folterspielen wund geschlagen hat …«

Zweifellos lassen sich manchmal Frauen auf für sie unangenehme Sexpraktiken ein, um ihrem Partner oder ihrer Partnerin zu gefallen, um die Beziehung zu festigen, aus Angst davor, anderenfalls verlassen zu werden. Außerdem gibt es bestimmt auch Fälle von finanzieller Abhängigkeit und noch einiges mehr.

Mir fällt es allerdings sehr schwer zu glauben, dass eine intelligente Frau über einen Zeitraum von elf Jahren einfach so mitmacht, ohne selbst je Gefallen daran zu finden? Eine Journalistin/Radiomoderatorin, die doch fähig sein müsste, im Internet zu recherchieren und sich notfalls auf diesem Weg Rat, Hilfe, Adressen von Anlaufstellen holen könnte?

Ganz besonders nicht, wenn ich weiter von Karasek lese: »… sich, zwecks sexueller Erregung, diese Bilder von Striemen und Verletzungen in ihrem Computer mit Zeichen wohlwollender Erregung angeschaut hat: ein sadistischer Voyeur sozusagen …«

Solche Sätze über ein Opfer in der Bildzeitung würden wahrscheinlich unter »typisch« abgehakt werden. Wenn Emma Online so was veröffentlicht … was ist das dann?

Opferschutz oder Respekt vor einem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer kann das wohl kaum genannt werden, unabhängig davon, ob diese demütigenden Sätze bereits zuvor in anderen Zeitungen zu lesen waren. Fragt sich, wer der widerlichere Voyeur ist: Kachelmann oder Karasek?

»Ob er nun verurteilt wird oder nicht – es bleibt von Kachelmann das elende Bild eines Gewalttäters, der mit Zustimmung ichschwacher Frauen sein übersteigertes Ego auslebte …« heißt es weiter und entlarvt, worum es hier eigentlich geht: Alice Schwarzers Kampf gegen BDSM.

Es scheint bei Emma vollkommen egal zu sein, ob eine Vergewaltigung stattgefunden hat. Ob eventuell eine Frau bei einem Prozess dringend Unterstützung gegen einen Promi gebrauchen könnte. Denn unabhängig davon, welches Urteil am Ende gefällt werden wird, steht für Emma jetzt schon fest: Solchen Sex praktizieren nur ichschwache Frauen und gewalttätige Männer.

Vielleicht steht dahinter die verweifelte Hoffnung, gewisse Argumente würden besser werden, sozusagen wie Käse reifen, wenn man sie nur jahrzehntelang gebetsmühlenartig wiederholt? Wehe, wenn Frauen darauf bestehen, nicht ichschwach, sondern selbst Anhängerinnen von BDSM zu sein.

»Weiblicher Masochismus ist Kollaboration mit dem männlichen Feind!« behauptete Alice Schwarzer schon vor Jahren (Emma 1991/2) und die US-amerikanische feministische Aktivistin Catharine Alice MacKinnon schrieb in einem Emma Sonderheft über BDSM Lesben: »Wenn Pornografie Teil ihrer Sexualität ist, dann haben sie kein Recht auf ihre Sexualität«

Geklärt scheint beim Fall Kachelmann zurzeit nur eines zu sein: Es hat eine Körperverletzung stattgefunden. In Deutschland werden sadomasochistische Handlungen durch § 228 StGB (Körperverletzung mit Einwilligung) abgedeckt. Dieser Paragraf gilt auch für ärztliche Eingriffe wie z. B. Operationen.

Doch selbst wenn es von dem Vorgang einen Videomitschnitt geben würde: Wie sollte eigentlich unterschieden werden, ob da gerade ein BDSM Spielchen oder ein Gewaltakt stattfindet? Die üblichen Kriterien wie »sich wehren« oder das Wort »Nein« können hier schlicht und einfach nicht als Maßstab genommen werden. Deshalb gibt es ja auch in der Szene eine Reihe anderer Signale. Missverständnisse könnten vielleicht mal bei einem One-Night-Stand entstehen, aber (hoffentlich) nicht in einer elfjährigen Beziehung …

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