Bruhns, Wibke und der Sexismus

Gestern Abend zeigte sich mal wieder, manchmal wäre es am besten, wenn Held_innen aus der Kinder- und Jugendzeit einfach dort blieben und uns im Erwachsenenleben nie mehr begegneten. In der Jauchsendung über #aufschrei, Sexismus (und leider auch Brüderle) gab sich Wibke Bruhns, die erste Nachrichtensprecherin im westdeutschen Fernsehen, alle Mühe, mit drei oder vier Sätzen das Bild, das ich von ihr hatte, gründlich zu zerstören.

Viele Menschen können heutzutage wahrscheinlich nicht einmal ansatzweise nachvollziehen, welche Sensation ihr Auftauchen auf dem Bildschirm im Jahr 1971 gewesen war. Eine Frau bewies, dass Frauen tatsächlich Texte mit politischen Bezügen fehlerfrei vortragen konnten. Dass sie nicht zwangsläufig in Tränen ausbrachen, wenn es um Tote, Krieg oder Naturkatastrophen ging. Und was darüber hinaus außerdem für mich persönlich zu dieser Zeit unglaublich wichtig war: Eine junge Frau mit Brille konnte noch etwas anderes als Lehrerin werden und sich in der Öffentlichkeit zeigen. Nicht etwa, dass ich nun auch ins Fernsehen hätte kommen wollen, aber die Palette möglicher Berufe verdoppelte oder verdreifachte sich schlagartig für mich.

Nach Veröffentlichung der Gästeliste hatte ich keinen Zweifel über den Verlauf der Sendung: Den Chefredakteur des Sterns kannte ich nicht und konnte ihn deshalb auch nicht einordnen. Alice Schwarzer würde wieder allen ins Wort fallen, den jungen Feministinnen die Welt erklären und irgendwie den Islam erwähnen. Karasek vermutlich versuchen, sich als Kämpfer gegen den Sexismus zu präsentieren und dabei seinen Standpunkt mit möglichst zotigen Beispielen untermalen. Gespannt war ich auf Silvana Koch-Mehrin, denn vor einiger Zeit hatte mir eine Freundin erzählt, die sei ganz anders, als sie in den Medien rüberkomme, und werde in gewissen Kreisen hinter vorgehaltener Hand als »Kampflesbe mit Haaren auf den Zähnen« bezeichnet. Anne Wizorek wünschte ich einfach nur gute Nerven, als Jüngste und Unerfahrenste in dieser Runde würde es ihr sicher nicht leicht fallen, sich gegen die Talkshowprofis durchzusetzen.

Und Wibke Bruhns? Keine Frage, die würde alle plattmachen, die auch nur ansatzweise für Sexismus Verständnis zeigten und vielleicht auch die eine oder andere Anekdote erzählen, wie Politiker X oder Y versucht hatten, ihr an die Wäsche zu gehen, anstatt Interviewfragen zu beantworten.

Selten so geirrt.

Wenigstens verhielten sich Jauch und Karasek, wie ich es erwartet hatte. Der eine erinnerte mich an einen Onkel nach dem Genuss der dritten Flasche Wein, in dem Zustand kurz vor jenem Moment, wenn meine Tante ihn aus dem Verkehr zog. Und der andere, der Jauch, war schlecht vorbereitet und machte außerdem die meiste Zeit einen gelangweilten Eindruck. Noch nicht einmal in seiner Eigenschaft als Vater von vier Töchtern hatte er etwas zum Thema beizutragen. Koch-Mehrin hielt sich ziemlich bedeckt, sprach ein wenig verklausuliert und wurde nur einmal sehr deutlich: Ihre Töchter sollten nicht mehr erleben, was sie erlebt hat. Alice Schwarzer war die positive Überraschung, wie früher nannte sie energisch und kampfbereit die Dinge beim Namen. Kein Zurechtweisen der jungen Feministinnen, kein Naserümpfen über Netzfeminismus, kein Wort über den Islam. Warum denn nicht öfter so, dann würde ich mich echt über Fernsehauftritte von ihr freuen. Dass sie manchmal etwas zu weit ausholte, nun ja, in ihrem Alter und mit ihrem Erfahrungsschatz darf frau das.

Wibke Bruhns hingegen machte mich zeitweise sprach- und fassungslos. Ich hätte heulen können, als sich abzeichnete, worauf ihre Äußerungen hinausliefen. Was ist mit dieser Frau bloß los? Männer und Frauen gehörten verschiedenen Spezies an, behauptete sie. Ja, den Spruch kenne ich auch noch aus den Siebzigern. Den habe ich manchmal sogar selbst benutzt, im Freundinnenkreis, wenn wir gerade keine Lust mehr hatten, uns weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, warum dies oder das zwischen Frauen und Männern so schief läuft. Doch er war nie wirklich ernst gemeint und schon am nächsten Tag sprachen wir wieder über weibliche und männliche Sozialisation, Erziehung von Töchtern und Söhnen und Ähnliches.

Stiere, Ochsen? Gegen Sexismus hat frau keine Chance, nie und nimmer und für alle Ewigkeiten nicht? Und Alkohol entschuldigt beinah alles? Die Frau, die unglaublich stolz darauf sein könnte, jüngeren Journalistinnen Türen geöffnet und Wege geebnet zu haben, scheint sauer darüber zu sein, dass diese sich nicht damit zufriedengeben, sondern nun den nächsten Schritt machen und der Sexismus, den sie selbst noch über sich ergehen lassen musste, um in ihrem Beruf erfolgreich sein zu können, endlich zu einem öffentlichen Thema wird.

Frauen könnten sich schließlich wehren, sagte sie mit gefrorenem Lächeln und ohne eine weitere Miene zu verziehen. Allen Ernstes, und gerade von ihr hatte erwartet, hoffentlich lässt sie noch ein paar Sätze über den Sexismus fallen, den z. B. Kellnerinnen, Putzfrauen oder Kasserinnen im Supermarkt ausgesetzt sind. Also Frauen, die sich in der Regel noch weniger als eine Journalistin wehren können. Wobei das mit dem sich Wehren sowieso meistens eine Illusion ist. Wie oft hat sie sich wohl selbst nicht gewehrt, um nicht einen Job zu riskieren, ein Interview platzen zu lassen? Denkt sie tatsächlich, da sie es theoretisch hätte tun können, wenn sie für die Konsequenzen bereit gewesen wäre, habe sie aus freiem Willen gehandelt?

Arroganz, Altersstarrsinn, Eifersucht …

Glückwunsch an Anne Wizorek für ihre Gelassenheit und die Feststellung: »Wir sind doch nicht von den Bäumen gekommen, um uns jetzt dahin zurückzuziehen«. Sie hätte mit Fug und Recht auch fragen können: »Welche Pillen hast du denn eingeschmissen, du alte Schachtel?« und ich hätte ihr noch nicht mal Altersdiskriminierung oder Respektlosigkeit vorgeworfen, sondern Beifall geklatscht.

13 Gedanken zu „Bruhns, Wibke und der Sexismus“

  1. E ist interessant ihre “alt eingesessene Feministinnen Perspektive” (ja klingt blöd-Etikett blöd- aber meine Etikettiermaschiene für meine Schubladen ist grad kaputt ;) )
    zu lesen.

    Ich hab gerade mal eine Zeh in diese Sicht gesteckt und dachte gestern noch “Waaaaas die Bruhn war mal VORBILD?!” Nun habe ich wieder etwas mehr Einblick und danke Ihnen dafür :)

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  2. Guter Beitrag.

    Aber von den Kellnerinnen und Kassiererinnen ist Wibke Bruhns genauso weit weg wie Silvana Koch-Mehrin. Die familiäre Herkunft steht bei beiden in der Wikipedia. (Ulrike Folkerts erwähnte übrigens mal bei Beckmann, eine Call-Center-Telefonistin im Freundeskreis zu haben. War fast schon beeindruckt, mit sowas rechnet man schon gar nicht mehr bei Promis.)

    In der Wikipedia steht übrigens auch, dass Bruhns die Hedwig-Dohm-Urkunde bekommen hat, “für ihre herausragende journalistische (Lebens-)Leistung und ihr frauenpolitisches Engagement”.

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  3. Irene: Aber von den Kellnerinnen und Kassiererinnen ist Wibke Bruhns genauso weit weg

    Trotzdem ist sie bei mir als SPD Frau gespeichert. Aber jetzt bitte keine Diskussion über die „Arbeiterpartei“ :-)

    Ihr Vater wurde übrigens 1944 wegen Hochverrats hingerichtet, darüber habe ich vor zwei Jahren oder so mal eine Doku im TV gesehen.

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  4. Ja, darüber hat sie sogar ein Buch geschrieben. Aber nach der Sendung am Sonntag muss man sich leider schämen, was von ihr im Regal stehen zu haben..

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  5. BieFro: Aber nach der Sendung am Sonntag muss man sich leider schämen, was von ihr im Regal stehen zu haben..

    Mir fällt es zwar schwer, aber ich versuche, die Sachen zu trennen. Es gibt die Lebensleistung der Bruhns, es gibt die Familiengeschichte und es gibt die entsetzliche Sendung mit Jauch. Das Buch habe ich nicht gelesen und auch nicht die Doku gesehen, aber ich weiß noch gut aus eigener Erinnerung, wie schwer es die Kinder von Nazigegnern bis weit in die 60iger Jahre hatten. Mich treibt eine andere Überlegung um, die Nele mit „Altersstarrsinn“ angerissen hat. Von außen und aus der Ferne kann sich natürlich kein Mensch ein Urteil erlauben, aber vielleicht hat sie bereits ein mentales Stadium erreicht, wo man sie nicht mehr als Gast in eine Talkshow gehen lassen sollte. Demenz ist ein schleichender Prozess, der sich über Jahrzehnte hinziehen kann. Ich kann sie nicht in Bausch und Bogen verdammen, obwohl ihr Benehmen in der Sendung natürlich unerträglich war.

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  6. Wibke Bruhns und ihr frauenpolitisches Engagement ; darüber hätte ich gerne mehr gewusst , denn ich kann ich mich nicht daran erinnern, dass sie frauenpolitisch stark engagiert war. Ich glaube auch nicht, dass sie sich als Feministin versteht. Für mich ist sie eine herbe Enttäuschung und keine feministische Galionsfigur.

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  7. War zu erwarten, wenn man vorher das Interview mit Wibke Bruns in der Süddeutschen vom letzten Freitag gelesen hat. Da hat sie den selbern Mist schon breitgetreten. Jauch wusste, was sie bringen würde.

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