Haarige Lesben

Der Abend ist lau, der Wein schmeckt gut und die Stimmung auf der Terrasse ist bestens, bis mir wieder mein Problem einfällt: Auf meinem Kopf wachsen Haare. Selbstverständlich keine weltbewegende Tatsache, auf den meisten weiblichen Köpfen wachsen Haare.

Weltbewegend ist schon eher die Frage, was mache ich damit? Schneiden, legen, föhnen? Wickeln, färben, flechten? Eine Frage, die mir gelegentlich den Schlaf raubt, und die ich jetzt sofort auf der Stelle geklärt haben möchte. Wozu hat frau denn Freundinnen?

Für so manch andere Lesbe stellt sich diese Frage nie, wie ich einmal beim Lesen eines lesbischen Krimis erfuhr. Es gibt nämlich den politisch korrekten lesbischen Einheitshaarschnitt. Kurz auch LKS genannt, lesbischer Klischeeschnitt.

Damals hatte ich endlich die Erklärung gefunden, weshalb ich lesbisch bin. Meine Mutter ist schuld, weil sie mir als kleines Kind die Haare immer kurz geschoren hat. Angeblich sollten sie dadurch kräftiger werden. Ein Ammenmärchen, die Stärke der Haare ist in den Genen festgelegt. Stattdessen wurde ich lesbisch, was natürlich als einzige zur Verfügung stehende Alternative sowieso den kräftigeren Haaren vorzuziehen ist.

Wie genau jener LKS im Detail aussieht, weiß ich nicht. Sicher ist nur, die Haare der Lesbe werden dabei so kurz wie nur möglich gehalten. Gerade mal so lang, dass sie noch etwas auf ihrem Kopf hat und nicht mitleidig gefragt wird, ob sie sich derzeit einer Chemotherapie unterziehen muss. Jeder Millimeter über diese Haarlänge hinaus nährt den Verdacht, dass Lesbe vielleicht doch nicht so hundertprozentig lesbisch ist. Vielleicht hat sie eine mögliche Heteravergangenheit noch nicht ganz ablegt, vielleicht neigt sie doch mehr in Richtung bi.

Außer sie bekennt sich trotzig und offen dazu, eine Lipsticklesbe oder Femme zu sein. Dann darf sie nicht nur lange Haare haben, sondern muss sich auch schminken und Röcke tragen. Und nicht zu vergessen: Stöckelschuhe!

Beziehungsmäßig gehört zur ihr eine Butch, behaupten wenigstens die einschlägigen Ratgeberinnen. Angeblich zeichnet die Butch ein breitbeiniger Seemannsgang, Jeans, karierte Hemden und klobige Schuhe aus. Und nicht zu vergessen: unrasierte Beine!

»Das ist nicht richtig«, korrigiert mich Freundin 1, als ich in der nächtlichen Runde diese Theorie verbreite. »Eine Lesbe mit kariertem Hemd ist eine Holzfällerlesbe. Eine Butch trägt Anzug und Krawatte.«

»Du verwechselt das mit einem kessen Vater eine Lesbe wie Marla Glen«, meint die Liebste und betrachtet kritisch ihre unrasierten Beine im Kerzenschein. »Die Beine einer Butch hätte ich ja, aber ich hasse karierte Hemden!«

»Dafür ist deine Frau eine Femme!«

Wieso? Warum bin ich eine Femme? Ich will keine Femme sein! Das hört sich so nach dummen Weibchen an.

»Weil du dich gelegentlich schminkst und Röcke trägst!« erklärt Freundin 1 kategorisch. »Und du hast lange Haare«, fügt Freundin 2 hinzu.

Das mit den Haaren stimmt. In Ermangelung entsprechender Ideen in den oben erwähnten schlaflosen Nächten wachsen sie und wachsen. Allerdings habe ich auch Haare auf den Beinen, die ich ebenso wenig wie die Liebste rasiere. Bin ich dann eine Fembut? Eine Mischung aus Femme und Butch? Gibt es die überhaupt?

»Ich bin jedenfalls eine Motorradlesbe«, behauptet Freundin 1. Ich kenne sie zwar schon seit Jahren, aber dass sie Motorrad fährt, ist mir bisher entgangen. Sie kann ja noch nicht mal Fahrrad fahren.

»Dazu brauche ich kein Motorrad«, sagt sie. »Die Lederkleidung ist das Ausschlaggebende für eine Motorradlesbe.«

»Und sonst?« will ich wissen. »Hat eine Motorradlesbe lange oder kurze Haare? Rasiert sie sich die Beine?«

Die Antwort auf Teil eins der Frage ist offensichtlich. Eine Motorradlesbe ohne Motorrad hat halblange Haare. Teil zwei der Frage bleibt unbeantwortet. Freundin 1 hat sich feige aufs Clo zurückgezogen, als ich ihr gerade die Hosenbeine zwecks Überprüfung hochziehen will.

Stattdessen gibt Freundin 2 bekannt, eine Sandkastenlesbe zu sein. Oder besser: eigentlich sogar eine Eilesbe, weil sie schon damals wusste, nur auf Frauen zu stehen. Außerdem rasiere sie sich nicht nur die Beine, sondern auch unter den Armen.

So langsam reicht es mir mit der Rasiererei und ich empfehle der Sandeikastenlesbe, bei der nächsten Rasur die Haarbüschel, die auf ihren Zähnen wachsen, nicht zu vergessen. Was mich wieder zu meinen Haaren und der Frage »Was damit tun?« bringt. Die war schließlich der Auslöser der ganzen Diskussion gewesen.

»Wie wäre es denn mit Zöpfchen in Regenbogenfarben?« Die Liebste wartet die Antwort erst gar nicht ab und fängt schon mal an, die ungekämmten Haare zu flechten.

»Vielleicht abrasieren?« schlägt Freundin 1 vor, gerade wieder auf die Terrasse zurückgekommen ist. In der einen Hand hat sie grüne Einmalrasierer und den Ladyshaver, in der anderen den sogenannten Haartrimmer. Sie muss unserer Badezimmerschränkchen auf den Kopf gestellt haben.

»Die Einmalrasierer gehören Oma«, stelle ich gleich mal richtig.

»Und diesen Haartrimmer haben wir noch nie benutzt. Den gab es mal billig bei Aldi!» fügt die Liebste hinzu.

»Und das hier?« Freundin 1 legt den Ladyshaver auf den Tisch. »Wozu ist der? Unter den Armen rasiert ihr euch ja auch nicht, wie ich sehen kann!«

Freundin 2 hat die Haarbüschel auf ihren Zähnen noch nicht verdaut und bewahrt uns vor einer Antwort. »Zwei Zöpfe rund um den Kopf gesteckt, würden dir wirklich gut stehen«, giftet sie in meine Richtung. »So was Ähnliches wie Geierwallyoder Zenzi von der Alm. Schließlich seid ihr ja Landlesben!«

Eben sollte eine von Euch die geeignete Frisur für eine landlesbische Femme kennen, wäre ich für Tipps sehr dankbar!