Herzlichen Glückwunsch zur lesbischen Hochzeit

Zwei Freundinnen haben geheiratet und die Vorbereitungen zu dieser Hochzeit haben uns auf Trab gehalten. Als Trauzeugin habe ich eine Rede gehalten:

Der Fragebogen war keine Überraschung und die Frage: »Willst du was zum Unterhaltungsteil beitragen?« auch schnell beantwortet. »Ich schreibe Euch eine Geschichte«, habe ich großspurig angekündigt. War ja schließlich naheliegend. Ich schreibe jeden Tag Geschichten, meistens über Lesben und ihren Alltag. Und gibt es einen schöneren Anlass als die Hochzeit zweier Lesben?

Nebenbei bemerkt: Ich habe auch noch angeboten zu singen. Aber merkwürdigerweise wurde das nicht so begeistert aufgenommen. Wir einigten uns auf einen Kompromiss, ich darf heute Abend singen, wenn die Leute gehen sollen. Sollte ich also später das Mikrofon noch einmal ergreifen und Ihr hört mich jodeln, wisst Ihr, es ist Zeit zu gehen … Allerdings nicht zu weit weg, schließlich sollt Ihr ja noch morgen früh aufräumen. Wenigstens einige von Euch, nämlich all diejenigen, die ebenso großspurig, wie ich geschrieben habe, dass ich eine Geschichte schreibe, angeboten haben, beim Aufräumen zu helfen. Die eine und der andere überlegt nun vielleicht schon seit Tagen verzweifelt, welches Zipperlein sie sich bis morgen früh zulegen werden.

Aber zu spät, liebe Leute, draußen im Auto habe ich einen ganzen Karton mit Medikamenten und bin in der Lage, bis auf eine spontan ausbrechende Lepra so ziemlich alle Symptome wenigstens so weit zu lindern, dass Ihr körperlich fit genug sein werdet, um einen Besen zu schwingen. Und für die Lepra haben wir zur Not auch noch eine Ärztin unter uns.

Was ich beim Ausfüllen des Fragebogens nicht ahnen konnte, war die Tatsache, dass unsere PCs beschlossen, kollektiven Selbstmord zu begehen. Ich schließe daraus, die Hersteller dieser Kästen und Programme, wie zum Beispiel Herr Billy Microschrott , gehören zum homophoben Teil der Bevölkerung und haben im Verein mit Kirche und CSU etwas gegen lesbische Hochzeiten im Allgemeinen und im Besonderen etwas gegen mich als lesbische Autorin. Als Skorpionin mit einem Hang zum Größenwahn nehme ich solche Ärgernisse immer sehr persönlich.

Jedenfalls stand ich dann da mit einem Haufen Zetteln und Notizen und KEINER Geschichte, und deshalb wird dies hier auch mehr eine Rede werden. Allerdings habe ich mir sagen lassen, dass Reden zu den üblichen Hochzeitsbräuchen gehören. So ganz genau weiß ich das nicht, denn ich bin trotz meines fortgeschrittenen Alters noch nicht auf sehr vielen Hochzeiten gewesen. Verwandtschaftliche Anlässe dieser Art habe ich meist erfolgreich vermieden. Manchmal habe ich sogar erfolgreich vermieden, den angeheirateten Zuwachs überhaupt jemals kennenzulernen. Schließlich dauern sogar Hetero Ehen trotz des Spruches »bis dass euch der Tod scheidet« heute oft nicht mehr ein ganzes Leben, und wer wie ich nur lange genug wartet, braucht sich weniger Gesichter zu merken und somit auch weniger Karten an Weihnachten zu verschicken.

Freundinnen und Bekannte von mir haben nur selten geheiratet. Und wenn, haben sie mich nicht eingeladen, wahrscheinlich wussten sie, ich würde singen wollen. Oder ich hatte keine Zeit, der Einladung zu folgen oder ich war beleidigt, weil mir von vorneherein das Singen verboten worden war. Einmal allerdings wäre es fast so weit gewesen, Freunde heirateten bei Bonn, luden mich ein und ich wollte sogar hinfahren. Aber kurz vor knapp wurde der Termin abgesagt. Angeblich wegen Erkrankung des Bräutigams … was ich bis heute bezweifle.

So ist diese Hochzeit hier eine der wenigen, die ich wirklich von Anfang an mit allem Drum und Dran miterlebt habe – mal abgesehen von den zwei Hochzeiten, an denen ich gezwungenermaßen teilnahm, als Braut blieb mir nichts anderes übrig. An die Heterohochzeit im zarten Alter von 19 Jahren gibt es kaum noch Erinnerungen, ein Qualitätsbeweis der negativen Art … an die zweite Hochzeit, an die mit meiner Liebsten, erinnere ich mich allerdings noch sehr gut, ebenfalls ein Qualitätsbeweis, aber einer der positiven Art.

Doch wie gesagt, diese Hochzeit hier ist die Erste, die ich so richtig von außen miterlebe und mit Staunen beobachte … So eine Vorbereitung habe ich bisher nur einmal erlebt, damals als ich in einem Komitee saß, dass eine Friedensdemo mit Hunderttausenden von Menschen organisierte … Diese Hochzeit sollte perfekt bis auf das i Tüpfelchen werden. Beinah täglich kamen Post oder Telefonanrufe, die über den neusten Stand informierten und mir allmählich klar machten, dies hier wird nicht einfach eine Fete werden. Nein, dies hier ist ein gesellschaftlicher Anlass der lesbischen Art.

Und was macht Lesbe, wenn sie auf ein Fest geht, das nicht nur so einfach ein Fest ist? Da sie nicht nur Lesbe, sondern auch Frau ist, geht sie zum Friseur … und prompt fragte mich die Friseurin dann auch »Soll ich Ihnen die Haare eindrehen?« Ich entschied mich nach kurzem Nachdenken dagegen, bei aller Liebe und Zuneigung zu den Bräuten, das wäre dann doch zu viel des Guten gewesen. Ich wäre sogar bereit gewesen, mir ein Paar neue Schuhe für diesen Anlass zuzulegen und hatte selbst die Liebste dazu überredet, aber noch nicht einmal das wollte so recht klappen. Eine Fußzehennagelschere war noch das Schuhähnlichste, das wir in Heilbronn auftreiben konnten.

Doch ob ich nun gelockt oder mit neuen Schuhen hier rumlaufe: Eines ist sicher, da sind zwei, die es wirklich verdammt ernst meinen, die wild entschlossen sind, die übliche Haltbarkeitsdauer einer lesbischen Beziehung zu überschreiten und länger als zwei Jahre zusammenzubleiben. Denn wer macht schon so einen Aufstand, wenn er sich kurz darauf eh wieder trennen will?

Dieses Kribbeln im Bauch, das steht am Anfang einer Beziehung. Das Kribbeln, die Ungeduld, die Sehnsucht, der Wunsch, eins mit der Liebsten zu werden, sie nie mehr loszulassen, sie nie mehr verlassen, ihr so nahe wie möglich zu sein, keine Sekunde mehr ohne … Und trotzdem: Lesbische Beziehungen haben in der Regel ein Haltbarkeitsdatum von durchschnittlich zwei Jahren. Dann ist Schluss, aus, vorbei! Aus dem Kribbeln im Bauch wird morgendliches Unwohlsein ganz ohne Schwangerschaft. Aus dem Wunsch, keine Sekunde ohne, entstehen wilde Fluchtpläne.

Wenn also demnächst eine von Euch beiden morgens aufwacht und sich als erstes fragt: »Wer ist denn die da neben mir Bett? Und wie kommt die dahin? « Und Ihr geistig anfangt, bereits die Koffer zu packen, und die Kuchengabeln, die Ihr vielleicht heute geschenkt bekommen habt, in mein und dein zu teilen, dann denkt daran, welche Mühe es gekostet hat, einen Tag wie diesen heute zu organisieren. Allein schon deswegen lohnt es sich, noch mal nachzudenken, ob Euch der Name der Dame neben Euch im Bett nicht doch noch einfällt. Vielleicht nach einer starken Tasse Kaffee und einer Zigarette.

Sollte dieser Name dann allerdings weder S. noch T. lauten, wird es kritisch. Für den Fall empfehle ich entweder Voltax zur Gedächtnisstärkung oder eine Ehetherapeutin. Oder auch beides, für den Fall, dass Ihr dachtet, die Dame, mit der ins Bett gestiegen seid, sei auch die Dame, mit der Ihr einst Hochzeit gefeiert habt.

Wie gesagt, die Dauer von lesbischen Beziehungen ist beschränkt … »Würdest mal gerne länger lieben, warum immer drei statt sieben?« heißt es in einem Lied von Carolina Brauckmann … wieso, weshalb, warum … Keine Ahnung, vielleicht liegt es daran, dass wir keine Vorbilder haben, wenigstens nicht wir, die schon etwas angegrauten Lesben. Nein ganz im Gegenteil, wir sind die Vorbilder, damit müssen wir uns abfinden. Und Vorbilder haben nun mal die Aufgabe, etwas ganz toll und gut und prima zu machen, egal in welchem Bereich.

Als meine Liebste und ich geheiratet haben, vor fast genau drei Jahren, kurz nach der Einführung des neuen Gesetzes, da mussten wir auch in den sauren Apfel beißen und Vorbilder sein. Nämlich diejenigen sein, die den Rhein-Neckar-Kreis dazu zwangen, sich zu bewegen und das Gesetz in die Praxis umzusetzen … davon haben dann auch S. und T. profitiert.

Und diese Beiden nun müssen auch in den sauren Apfel oder die süße Birne beißen und Vorbilder sein. Und den jungen Lesben, die mittlerweile überall zum Vorschein kommen, zeigen, dass nicht nur Heteros auf Dauer zusammenleben können, sondern auch Lesben. Also, ich will nichts hören wie »Es ist vorbei! Wir trennen uns!« Das wird es einfach nicht geben.

© Nele Tabler 2004

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