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Sehr geehrter Herr Stalker, vorab: falls es Deine wenigen Gehirnzellen überfordern sollte, eine kleine Erklärung für den Begriff »Stalker«. Er stammt aus dem angloamerikanischen Sprachschatz und beinhaltet eine Menge deutscher Begriffe wie zum Beispiel Belästigung, Hausfriedensbruch, Nötigung, Sittenstrolch, psychisch schwer krank und mehr.
Heute haben wir einen Brief der MDM Münzhandelsgesellschaft aus Braunschweig erhalten. Ach, mein armer Irrer, nun sind die Liebste und ich aber doch etwas enttäuscht. Sind wir dir nicht mal eine aktuelle Zeitungsausgabe wert? Der Coupon, den du aus dieser uralten Zeitung ausgeschnitten hast, war längst nicht mehr gültig. Die Preise haben sich verändert. Wie so vieles in den letzten Jahren ist auch die »Carl Spitzweg Gedenkmünze« teurer geworden. Sie kostet mittlerweile 22,50 Euro. Sie wird auch in den nächsten zwei Wochen noch so viel kosten, wie uns Frau Wölbern von der Kundenbetreuung geschrieben hat. Wenn du von dieser dramatischen Kostenexplosion entsetzt bist, dann kannst du sie gerne anrufen und ihr das mal sagen. Und richte ihr dabei einen schönen Gruß von uns aus. Ich liebe zwar Spitzwegs »Armen Poeten«, aber an einer Münze bin ich nicht interessiert. Solltest du allerdings jemanden kennen, der mir dieses Bild aus der »Neue Pinakothek« besorgen könnte, wäre ich hocherfreut. Das wäre endlich mal eine Sache, die ich gerne hätte.
Ach ja, warum hast du eigentlich nur für die Liebste die Münze bestellt? Bei so mancher deiner Aktionen frage ich mich wirklich, ob du überhaupt weißt, was du tust. Irgendwie scheinst du uns immer zu verwechseln. Ich bin diejenige, die schreibt. Wirklich, das kannst du mir glauben. Als du für die Liebste ein Abo der Zeitschrift »Literaturen« bestellt hast, war ich entsetzt. Das hätte doch mir zugestanden. Die Liebste findet das ebenfalls. Und die RedakteurInnen von Literaturen wollen auch lieber, dass ihre mühevolle Arbeit gewürdigt werden kann. Sie haben es nicht so gern, wenn ihre Zeitung von Unkundigen mies gemacht wird. Was die Liebste sicher getan hätte, weil sie beim Lesen immer einschläft und sich dann nicht mehr erinnern kann, worum es eigentlich ging. Nebenbei, der Dame vom Vertrieb ist das allerdings mehr oder weniger egal. Sie ist nur sauer, weil du ihr soviel unnötige Arbeit gemacht hast.
Die Damen und Herren von »Lifta«, dem Treppenlifter für (fast) jedes Haus, waren auch nicht gerade begeistert von dir. Es tut mir Leid, dir das sagen zu müssen. Du hast dich bei ihnen wirklich unbeliebt gemacht. Diese Firma ist nämlich von der schnellen Truppe. Bei ihnen geht alles ruckizucki. Wenn eine alte Oma keine Treppen mehr steigen und Hilfe braucht, sind sie umgehend zur Stelle. Kannst du dir ihre Enttäuschung vorstellen, als sie feststellen mussten, dass ich keine alte Oma bin? Darüber hinaus noch ganz gut zu Fuß? Und zu allem Überfluss unser verwinkeltes Haus aus dem Jahre 1848 zu den wenigen Objekten gehört, wo man wegen der Statik am besten Willen keinen Lifter einbauen kann? Keine Ahnung, was die Leutchen von Lifta nun unternehmen werden. Du hast sie viel Arbeitszeit gekostet, das wird sich negativ auf ihre Jahresbilanz auswirken. Was sollen sie nun den Aktionär_innen sagen?
Du siehst, wir haben Fragen. Ob du zum Beispiel schon Rentner bist? Weil du soviel Zeit hast, um uns all die Post und Anrufe und Dinge zu bestellen. Aber da wir wissen, dass du geistig nicht ganz auf der Höhe und psychisch von der Rolle bist, rechnen wir natürlich nicht mit Antworten. Obwohl ich natürlich sagen muss, so ein reales Studienobjekt als Vorlage für einen neuen Krimi hätte auch seinen Reiz. Sonst muss ich immer meine Fantasie anstrengen und Fachbücher wälzen, um meine Verbrecher glaubhaft zu beschreiben. Weil, du erinnerst dich, ich bin diejenige, die schreibt. Die Liebste malt. Nicht damit du das noch mal verwechselst.  © Nele Tabler 2008
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