Krankes Gesundheitswesen 3

Bei einem Orthopäden lasse ich eine Knochendichtemessung vornehmen. Schließlich ist immer noch nicht geklärt, wie es passieren konnte, dass mein Oberschenkelhals gebrochen ist. Die Kosten dafür werden mir privat in Rechnung gestellt. In erreichbarer Nähe gibt es keine Arztpraxis, die bereit ist, Knochendichtemessungen mit gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen. Eine Vergütung von knapp 18 Euro ist wahrscheinlich wirklich nicht kostendeckend für diese aufwendige Untersuchung. Das Ergebnis bringt allerdings kein Licht ins Dunkel, meine Knochendichte ist im besten Zustand, an porösen Knochen kann es also nicht gelegen haben.

Nebenbei erfahre ich noch, dass sich mehrere Wirbel in einem desolaten Zustand befänden. Für mich eigentlich nichts Neues, gelegentliche Rückschmerzen gehören schon seit Jahrzehnten zu meinem Leben. "Ich habe mir während meiner Ausbildung das Kreuz kaputt gemacht", erzähle ich dem Arzt. "Damals gab es noch keine Lifter, wir mussten die Patienten alle tragen." Er winkt ab. "Nein, das haben Sie sich in der Kindheit geholt. Zu wenig Milch und Sonne." Herrje, meine armen Eltern. Was sie in meiner Kindheit auch alles falsch gemacht haben mögen, mangelnde Sonne und fehlende Milch gehörten sicher nicht dazu.

Rechnungen flattern ins Haus und die Liebste überschlägt einmal kurz, was der Oberschenkelhalsbruch bisher so gekostet hat. Beteiligung an den verschiedenen Krankentransporten, 10 Euro pro Tag für den Krankenhausaufenthalt, Beteilung an Krücken und Krankengymnastik. Dazu kommen Benzingeld und Parkgebühren für jeden ihrer Besuche bei mir im Krankenhaus. Kosten für Telefon, Fernsehen und W-Lan im Krankenhaus. Anschaffung von Badeschlappen, Schlafanzügen und Handtüchern. Es läppert sich gewaltig, als sie bei 800 Euro angekommen ist, gibt sie auf.

Seit der Operation fühlen sich die Finger meiner linken Hand taub und pelzig an, deshalb suche ich doch noch eine Neurologin auf. Sie diagnostiziert ein Karpaltunnelsyndrom. Solange ich mich aber mit Krücken fortbewegen muss, sei an eine Operation allerdings nicht zu denken.

"Woher kommt das?", frage ich. "Kann so was wirklich quasi über Nacht durch eine Operation auftreten?" Vorher hatte ich schließlich keinerlei Beschwerden an der Hand beziehungsweise den Fingern. Die Neurologin schüttelt milde lächelnd den Kopf. Ihr ist anzusehen, dass sie mir kein Wort glaubt. Bei meiner Krankheit war sicher nicht nur das Gehirn, sondern wahrscheinlich auch das Erinnerungsvermögen in Mitleidenschaft gezogen worden war. Während sie  eine Schiene verschreibt, legt sie mir eindringlich noch einmal eine neurologische Reha ans Herz. "Ich will nicht in die Reha. Ich ertrage zurzeit nicht so viele Menschen. Eigentlich ertrage ich nie viele Menschen", gebe ich patzig zurück, denn ihr gütig aufgesetztes Verhalten bringt mich auf die Palme. "Gerade dann sollten Sie in die Reha gehen. Das ist ja nicht normal."

Bei einer Nachuntersuchung im Kreiskrankenhaus sehe ich zum ersten Mal die Dynamische Schraube auf dem Röntgenbild und erfahre, dass es sich bei dem Bruch um einen "Alten" gehandelt habe, er sei bereits sehr verknöchert gewesen. "Was bedeutet alt?", will ich wissen. "Wochen, wenn nicht gar Monate", lautet die Antwort. Und damit soll ich herumgelaufen sein? War mit den Hunden im Wald gewesen? Habe stundenlang Unkraut gezupft, Wäsche aufgehängt und Fenster geputzt? Erklären kann mir das niemand, außer einem lapidaren "So was kommt schon mal vor. Selten zwar, aber ja", erfahre ich nichts weiter.