Krankes Gesundheitswesen 6

Geduscht und in frischen Klamotten setze ich mich eines Abends aufs Bett, als sich plötzlich alles klatschnass anfühlt. Als hätte ich die Hosen gepinkelt oder meine Fruchtblase wäre geplatzt. Doch weder bin ich schwanger noch habe ich die Kontrolle über meine Körperausscheidungen verloren. Der Schwall Brühe kam aus der Operationswunde, nachdem sie tagelang bestens wie im Lehrbuch zu heilen schien. Die Ärzte geben sich alle Mühe, die Liebste und mich zu beruhigen. Das sei nichts Schlimmes, es handele sich um helles Wundsekret, nicht um dunkles Blut und höre sicher bald wieder auf.

Als ich eine Woche später in die Reha entlassen werde, nässt die Wunde immer noch. Mal mehr, mal weniger. Mal sind Mull, Pflaster und meine Hose innerhalb ganz kurzer Zeit richtig durchgeweicht, mal ist beim Verbandswechsel nur ein winzig kleiner Fleck zu sehen.

In die Reha nach Bad Schönborn werde ich mit dem Taxi gebracht. Der Fahrer ist ein Sikh, leicht zu erkennen an seinem Turban und wir unterhalten uns angeregt über seine Religion. Mich lenkt das etwas von den immer stärker werdenden Schmerzen ab, über eine Stunde lang ruhig sitzen müssen, gefällt meinem Körper überhaupt nicht.

Nach der Anmeldung an der Rezeption bringt mich eine freundliche junge Frau in mein Zimmer. Es ist ganz am Ende eines langen Flurs und schon auf halber Strecke mache ich beinah schlapp. Glücklicherweise kommt kurz darauf die Liebste mit meinem Gepäck und verstaut meine Klamotten in den Schränken. Frech organisiert sie in der Ergotherapie einen Rollstuhl, damit wir gemeinsam das Haus besichtigen können. Eines wird schon in diesen ersten Stunden klar, alleine werde ich in diesem Haus nicht zurechtkommen. Von meinem Zimmer zum Speisesaal sind es ungefähr 150 Meter, zu den verschiedenen Therapieräumen noch etwas weiter. Wie soll ich bloß diese Strecken mehrmals täglich bewältigen? Meiner unbedarften Meinung nach war ich in die Reha geschickt worden, um wieder Laufen zu lernen. Nun stellt sich heraus, dass ich erst einmal laufen können muss, um das Laufen zu lernen.

Der nächste Tag entwickelt sich zu einer einzigen Katastrophe. Ich soll in den zweiten Stock kommen, um mir die Thrombosespritze abzuholen, etwas später werde ich noch einmal zum Blutabnehmen dorthin einbestellt. In meinem Therapieplan steht etwas von Wassergymnastik, doch mit der nässenden Wunde kann ich wohl kaum in ein Schwimmbecken steigen. Um das zu klären, muss ich in ein Büro im Untergeschoss.

Mehrmals soll ich den immer wieder geänderten Therapieplan aus meinem Postfach in Rezeptionsnähe abholen. Am frühen Nachmittag bin ich physisch und psychisch am Ende. Heulend lege ich mich ins Bett und stehe nicht mehr auf, lasse sowohl Hüftgynmnastik als auch Abendessen ausfallen. Weder auf der Internetseite noch in den Hochglanzbroschüren waren die weite Wege innerhalb des Hauses erwähnt worden.

Am nächsten Morgen steht die Liebste bereits um sieben Uhr morgens auf der Matte und will gemeinsam mit mir bei der Verwaltung nach einem anderen Zimmer verlangen. Zuerst schiebt sie mich aber im Rollstuhl zu dem Zimmer, wo die Visite abgehalten wird. Mein Verband ist bereits wieder durchgeweicht und statt uns zuzuhören, legt die Ärztin sofort los. Es sei unverantwortlich von dem Krankenhaus, mich mit einer solchen Wunde zu entlassen. Man habe kein Pflegepersonal im Haus, das mich versorgen könne. Die Wege seien nicht zu weit, sondern mein Zustand schlicht nicht rehafähig und eh ich meine Gedanken sortiert habe und mich dazu äußern könnte, bestellt sie einen Krankenwagen und lässt mich ins Krankenhaus zurückverfrachten. Die Liebste packt die Klamotten wieder ein und fährt mir zum zweiten Mal in zwei Tagen hinterher. Vorher versucht sie noch, sich das Geld, das wir für 24 Stunden W-Lan Benutzung gezahlt haben, erstatten zu lassen. Doch die 15 Euro sind futsch, auf diese Art kann eine Klinik natürlich auch Kasse machen.