Rassistische Realität hinter seniler Logik

Hilda war gestorben, eine Schwester meiner Oma Anna, also meine Großtante. Die Nachricht von ihrem Tod hat mich nicht gerade erschüttert, denn ich bin ihr höchstens zwei- oder dreimal in meiner frühen Kindheit begegnet und danach nie mehr. Die zwei anderen Schwestern meiner Oma und auch ihren Bruder kannte ich wesentlich besser, zu ihnen bestand immer Kontakt. Hilda hingegen schien nie richtig dazuzugehören, doch ich wusste nicht, warum das so war, und habe mir auch als Erwachsene lange keine Gedanken darüber gemacht.

An den Scheiben des Küchenbuffets meiner Oma hingen oft Ansichtskarten aus den USA. Sie stammten von einer Annie, einer Verwandten, die ich persönlich nie kennengelernt habe. Sie war Hildas Tochter und Omas Patenkind und lebte irgendwo im fernen Amerika. »Sie ist mit einem Weißen verheiratet«, hörte ich einmal jemand über sie erzählen. »Ihr Mann hat ihr zwei Hunde gekauft, die sie schützen sollen.« In meiner Vorstellung tauchte ein Mann in einem weißen Anzug und weißen Zylinder auf, der das Gesicht mit weißer Clownsfarbe geschminkt hatte und zwei riesigen Hunden zurief: »Fass!«

»Hilda ist tot«, erwähnte meine Oma mehr beiläufig Mitte der Neunziger bei einem Besuch. Ich versuchte, betroffen zu wirken, schließlich handelte es sich um ihre Schwester und wollte wissen, wie die Beerdigung gewesen war. »Keine Ahnung, ich bin nicht hingegangen. Sonst kommen diese Kinder noch zu meiner Beerdigung. An meinem Grab sollen keine Schwarzen stehen.«

Es dauerte, bis ich überhaupt begriff, was sie damit sagen wollte. Dann wurde ich stinkwütend, auch weil ich mich an die Karten erinnerte, die an die »liebe Tante Anna« gerichtet gewesen waren. Anschließend verpetzte ich sie bei ihren Töchtern, was anderes fiel mir in meiner Fassungslosigkeit nicht ein. »Wen interessiert, was sie will?«, fragten meine Mutter und meine Tante. »Sie kann froh sein, wenn sie überhaupt beerdigt und nicht im nächsten Loch verbuddelt wird.«

Meine Oma war im hohen Alter zur Rassistin mutiert. Ich konnte es nicht begreifen, fragte erst nach, erhielt keine Antworten und vermied schließlich das Thema … solange, bis sie ein paar Jahre später bei uns wohnte und von selbst immer wieder davon anfing. Sie rief nach ihrem Bruder, wollte mit ihren Schwestern telefonieren und hatte oft vergessen, dass ihre Geschwister schon lange tot waren. Ich erhielt den Auftrag, mich bei Hilda nach Annie zu erkundigen, weil die schon so lange nicht mehr geschrieben hätte. Aber dort in Amerika ginge es ihr bestimmt besser, da würde sie sicher nicht angepöbelt werden und bräuchte keine Angst zu haben, weil sie schwarz sei. »Die Buben können wenigstens zurückschlagen«, fügte sie dann noch hinzu und meinte damit Annies Brüder.

Hilda, die »Negerhure«, die Kinder mit einem »Bimbo« hatte, auf der Straße angespuckt und beschimpft worden war. Oma, die ein schwarzes Kind über das Taufbecken gehalten hatte und deshalb von der Nachbarschaft geschnitten wurde. Mein Großvater, der mit all dem am liebsten nichts zu tun haben wollte und leugnete, mit Hilda verwandt zu sein. Deutsche Dramen in den fünfziger und sechziger Jahren.

Erst jetzt verstand ich, dass meine Oma keineswegs zur Rassistin mutiert war. In ihrer verqueren senilen Logik hatte sie uns vor Anfeindungen schützen wollen, indem sie nicht auf die Beerdigung ihrer Schwester ging. Es war zu spät, um mit ihr vernünftig darüber zu reden und ihr vielleicht auch zu erklären, dass die Zeiten sich geändert hätten …

… und sieben Jahren nach ihrem Tod urteilt das Koblenz Verwaltungsgericht im Jahre 2012, dass die Polizei Reisende aufgrund ihrer Hautfarbe kontrollieren darf. Oma war gegen Ende ihres Lebens immer seniler geworden, aber in Bezug auf den Rassismus in Deutschland hat sie sich wohl ihren Realitätssinn bis zum Schluss bewahrt.

Koblenzer Skandalurteil zu rassistischen Grenzkontrollen entfaltet seine Wirkung auch im Dreyeckland

Petition: Stoppt Racial Profiling!

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