Schluss mit der scheinheiligen Empörung. Der #aufschrei gehört jetzt uns!

Der Brüderle gehört also auch zur Busengrapscherfraktion. Nein, ich habe nirgends gelesen, dass er tatsächlich einer Frau an den Busen gegrapscht hätte. Er scheint nur geglotzt zu haben, was einerseits wirklich ein Unterschied ist und anderseits, meiner ganz persönlichen Definition nach, gehört er dennoch auf diese Liste, die seit 1983 länger und länger wird. Es fing mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Klaus Hecker an, durch dessen Verhalten mir zum ersten Mal richtig bewusst wurde, was sexuelle Belästigung eigentlich bedeutet, Puzzleteile aus meinem Leben endlich zusammenpassten und einen Sinn ergaben. Und natürlich ist Politiker nur ein Beruf von vielen bei diesen Männern, die ich in die Busengrapscherfraktion einordne.

Nicht zum ersten Mal mache ich die Erfahrung, dass scheinbar urplötzlich im Internet etwas aktuell wird, mit dem ich mich selbst seit Wochen, Monaten oder gar Jahre beschäftige, aber nicht so richtig weiß, ob und wie ich darüber schreiben soll, weil mir lange kein geeigneter Aufhänger dafür einfallen will. Dann trauten sich zwei junge Journalistinnen über Sexismus und sexuelle Belästigung zu schreiben und es folgte der übliche Aufschrei der Empörten. Wie schon so oft jaulten sie nicht über den Sexismus oder die Belästigung, sondern über die Frauen, die diese Themen in die Öffentlichkeit tragen … bis Betroffene gestern den Spieß umdrehen, sich den Aufschrei aneignten und daraus eine Twitterkampagne machen: #aufschrei.

Auf einem Gartenfest letzten Sommer sitze ich spät abends mit der Liebsten und einer weiteren Frau etwas abseits. Ein Verwandter wankt auf uns zu, um sich zu verabschieden. In mir verkrampft sich alles, denn ich ahne, was nun passieren wird. »Nelchen. Schätzelein. Wie lange wird es diesmal wohl dauern, bis wir uns wiedersehen?«

Schon als Zehnjährige habe ich es gehasst, wenn er mich auf diese Art angesprochen hat. Und als Zwanzigjährige. Und als Dreißigjährige. Als Vierzigjährige. Als Fünfzigjährige. Er ist der einzige Mensch, der meinen Namen mit einem chen verhunzt. Und der Einzige, der mich je Schätzelein genannt hat. Bereits als Kind hätte ich ihm am liebsten in die Eier getreten, wenn er sich mir auf diese Weise näherte. Na ja, ich hatte ein Gefühl, das dem »in die Eier treten« sehr nahe kam, allerdings wusste ich damals noch nicht, dass frau so etwas tun könnte.

Sein Verhalten war mir äußerst unangenehm, ich wusste nie, wie ich reagieren sollte, was ich sagen könnte, wäre am liebsten jedes Mal schreiend davon gelaufen. Als ich ungefähr 15, 16 war, hat er mich in einer solchen Situation zum ersten Mal zusätzlich noch in den Arm genommen. Alle um mich herum waren fröhlich, aufgekratzt und lachten, gaben sich Küsschen auf die Wangen. Nur ich hätte gern auf ihn eingeschlagen und fragte mich, was mit mir nicht stimmte. Wohlgemerkt mit mir, nicht mit ihm, denn alle anderen Frauen, die von ihm ebenfalls als Schätzlein tituliert und in den Arm genommen wurden, schienen sein Verhalten ja lustig zu finden. Also ließ ich es über mich ergehen, wir trafen uns sowieso immer seltener, eigentlich nur noch bei runden Geburtstagen oder auf Beerdigungen.

Und dann stehe ich mit 55 Jahren da, habe mich seit Jahrzehnten mit Sexismus und sexueller Belästigung beschäftigt, darüber geschrieben, geredet, bei so manchen Gelegenheiten Männern zumindest verbal in die Eier getreten und fühle jetzt auf dem Gartenfest immer noch das Gleiche wie damals als Zehnjährige. Und verhalte mich auch so, lasse das Benehmen des inzwischen Siebzigjährigen einfach über mich ergehen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich nichts geändert, einschließlich der Tatsache, dass ich den Vorfall sofort wieder verdränge und mich schon am nächsten Tag nicht mehr an Einzelheiten erinnern kann, sondern nur noch weiß, es ist schon wieder passiert. Noch immer beherrscht mich die Angst, nicht richtig zu ticken, nicht diejenige sein zu wollen, die ein solches Fest, einen solchen Anlass mit einem lautstarken Krach sprengt. #aufschrei

Gerichtsmediziner Quincy rettet mal wieder die Welt. Diesmal auf einem Friedhof, keine Ahnung, warum, ich habe zufällig mittenrein in die Folge gezappt. Merkwürdigerweise steht ein Wohnwagen zwischen den Gräbern. Während ein weiterer Mann, vielleicht ein Polizist, abwartend daneben steht, klopft Quincy energisch an und eine Frau im Bademantel kommt heraus. Sie soll wohl verschlafen wirken, macht aber eher den Eindruck, als käme sie gerade von der Kosmetikerin zurück. Auch die Frisur sitzt, ganz so als sei sie vor dem Schlafgehen mit 3-Wetter-Taft gestärkt worden.

Die Drei beginnen eine sehr ernsthafte Unterhaltung über illegale Leichenentsorgungen und eine gefährliche Seuche, schlendern dabei über das Gelände, sie immer noch im Bademantel, und als sie schließlich zurückgehen, legt Quincy seinen Arm um die Frau. Um eine Frau, die er eben erst und ausschließlich beruflich kennengelernt hat. Kameraeinstellung: Man sieht sie von hinten, wie sie sich wieder langsam dem Wohnwagen nähern. Quincys Hand liegt auf dem Po der Frau, als sei diese intime Berührung vollkommen selbstverständlich. Solche und ähnliche scheinbar harmlose Szenen gibt es mehrmals täglich im TV zu sehen, in all den Serien aus den Siebzigern und Achtzigern, die auf einigen Kanälen in Endlosschleifen laufen. Anleitungen zur sexuellen Belästigung als ganz normaler Lebensstil. #aufschrei

#aufschrei, Nachtrag

 

12 Gedanken zu „Schluss mit der scheinheiligen Empörung. Der #aufschrei gehört jetzt uns!“

  1. “alle anderen Frauen, die von ihm ebenfalls als Schätzlein tituliert und in den Arm genommen wurden, schienen sein Verhalten ja lustig zu finden.”

    Vielleicht sah deine Reaktion auch nicht viel anders aus. Ist ja üblich, gar nicht zu reagieren, zu lächeln oder zu tun, als wäre nichts.

    Aber davon ganz abgesehen: Deine Interessen musst du schon selbst vertreten und deutlich machen, wenn dir etwas unangenehm ist. Wenn du dich allerdings lieber angepasst verhältst – wer weiß, was sonst die Anderen denken – dann musst du damit leben, dass Leute dich behandeln, wie es ihnen passt.

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