Neulich flatterte mal wieder die Renteninformation ins Haus. Sie wird einmal im Jahr ungebeten zugestellt, wahrscheinlich, weil man Frauen wie mich daran erinnern will, dass unsere bisher erworbenen Rentenansprüche dereinst weder zum Leben noch zum Sterben reichen werden. Manchmal habe ich den Verdacht, beim Versand dieser Post schwingt unterschwellig die Hoffnung mit, vielleicht nehmen sie sich ja einen Strick, bevor sie gaga werden und der Allgemeinheit zur Last fallen.

Viele Jahre lang haben bei mir die Schreiben auch beinah ihr Ziel erreicht. Ein ums andere Mal überkam mich ein fürchterlich schlechtes Gewissen, weil mein bisheriges Berufsleben so chaotisch war und ist und meine Rentenanwartschaftszeiten voller Lücken sind. Das änderte sich erst, nachdem ich die Renteninformation der Liebsten zu Gesicht bekommen hatte. Im Gegensatz zu mir kann sie seit ihrem 18. Lebensjahr einen beinah lückenlosen Verlauf aufweisen. Trotzdem wird ihre Rente voraussichtlich kaum den Betrag der Grundsicherung übersteigen, denn in den ersten zwanzig Jahren verdiente sie gerade genug, um nicht zu verhungern oder zu erfrieren. Aus familiären Gründen örtlich fest (an)gebunden, musste sie ein Gehalt akzeptieren, das nach dem System „Egal, welche Qualifikation, Männer als momentane oder zukünftige Versorger einer Familie brauchen wesentlich mehr Geld als Frauen“ gezahlt wurde.

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Angeblich werden in Deutschland jedes Jahr ca. 100.000 Männer zwischen 50 und 80 Vater …

Eine Schätzung, denn exakte Angaben sind nicht zu finden. Aus unerfindlichen Gründen tauchen in Statistiken nur „eheliche“ Kinder auf. Heiraten zum Beispiel die Eltern erst ein paar Monate nach der Geburt, scheint das Alter des Vaters keine Rolle mehr zu spielen. Aber auch ohne genaue Zahlen ist nicht zu übersehen, dass die „alten Väter“ voll im Trend liegen und seit einiger Zeit im Internet, in Printmedien und Talkshows ein Dauerbrenner sind. Jeden Monat scheint ein anderer Politiker, Schauspieler oder Sportler über Fünfzig Nachwuchs zu bekommen und spätestens zwei Minuten nach der Geburt via Interview oder Pressemitteilung zu verkünden, wie glücklich er darüber ist.

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#609060 aufgreifen oder nicht? Für mich hätte diese Aktion zu keinem besseren Zeitpunkt beginnen können, sie passt gut zu meinem derzeitigen emotionalen Chaos – Wechseljahre, öffentliche Auftritte und (scheinbar) misslungene Fotos.

Bis vor zwei, drei Jahren habe ich mich »nur« mit meinem Körper herumgeschlagen, der feministische Kopf kämpfte beinah ununterbrochen und meist erfolglos mit essgestörten Gefühlen und den gesellschaftlichen Vorstellungen, wie eine Frau auszusehen muss. In besonders schlimmen Phasen klammerte ich mich dann gern an die Hoffnung, dieser fürchterliche Stress würde wenigstens nicht mein ganzes Leben lang andauern. Im Alter, also wenn ich mal die Fünfzig überschritten hätte, wäre es sowohl mir als auch allen anderen vollkommen egal, wie ich aussehe. Omas dürfen rundlich sein, das konnte man in jedem Bilderbuch sehen.

 

Leider begann diese Hoffnung, schon mit den ersten grauen Haaren zu schwinden. Dabei hätten sie eigentlich noch gar kein Problem darstellen dürfen, schließlich hatte ich mir schon als Jugendliche die Haare gefärbt. Ob nun meine ungeliebte ursprüngliche Haarfarbe oder das Grau übertüncht wurde, hätte im Grunde genommen egal sein können. Mit Omas Einzug bei uns verabschiedete ich mich dann endgültig von meiner Naivität. Ihr Beispiel zeigte: Selbst mit Neunzig ist frau nicht nur gezwungen, sich die Haare zu färben, die Fingernägel zu lackieren und über ihre Figur jammern, sondern muss sich darüber hinaus auch noch kiloweise Antifaltencreme ins Gesicht schmieren. »Ich will nicht wie ein altes Weib aussehen«, pflegte Oma zu sagen und prophezeite: »Das wird dir eines Tages genauso gehen!«

Inzwischen ist längst »eines Tages« und das Alter und die Wechseljahre haben mein Leben in puncto Aussehen und Fotos noch viel komplizierter gemacht, als es früher bereits gewesen war. Mein Körper, der unabhängig vom jeweiligen Gewicht sowieso noch nie irgendwelchen Kleidergrößennormen entsprochen hat, verschiebt die einzelnen Teile immer weiter in Richtung »alle Größen vereint in einem Outfit«. Außerdem rächen sich die manchmal extremen Gewichtsschwankungen seit meiner Jugend mittlerweile richtig bösartig in Form von Hautlappen … allein dieses Wort zu schreiben, bringt mich einer Depression nah und die »wohlmeinende« Frage einer Gynäkologin: »Wollen Sie sich DAS nicht mal chirurgisch entfernen lassen? Ansonsten sollten Sie wirklich ein Mieder tragen«, war für mein Selbstbewusstsein nicht gerade hilfreich gewesen.

Brüchige Nägel, Falten, Doppelkinn, Ringe unter den Augen und zu allem Überfluss ist es mir bisher noch nicht gelungen, Make-up, Lippenstift, Lidschatten usw. zu finden, die den Hitzewallungen und Schweißausbrüchen standhalten. Gerade jetzt, wo ich das dringende Bedürfnis habe, mich mehr denn je zu schminken, muss ich darauf verzichten, wenn der schweißgebadete rote Kopf auf einem Foto nicht noch von zerlaufendem Mascara getoppt werden soll.

Dieses Foto wurde von der Liebsten während einer Lesung gemacht:

 

Dieses Foto wurde während derselben Lesung von einem schlechtgelaunten Pressemenschen gemacht. Es war gerade Fußball EM der Männer, sagt wahrscheinlich alles.

Bei einer Lesung in Modautal

@ Pear Design

Bei einer Lesung in Aglasterhausen

@ Judith Blüthner

Zwei Fotos, die von Catrin Joergens beim Lesbenempfang in Köln aufgenommen worden sind. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie die wirklich schrecklichen Fotos von jenem Tag nicht veröffentlicht hat.

Foto 1  Foto 2

Ausschnitt aus einem Gruppenbild, das die Liebste beim CSD in Köln aufgenommen hat. Sobald ich weiß, ob die anderen Damen mit einer Veröffentlichung einverstanden sind, gibt es vielleicht das ganze Bild :-)

Daniela Zysk, Nele Tabler, Anne Bax, Sabine Arnold

Und jetzt ist es genug!

 

Nachtrag

#609060 oder: Mein Problem mit dem Mem

Anke Gröner greift hier einen wichtigen Aspekt auf, den ich mit einem Beispiel ergänzen will. Nach dem CSD in Köln 2011 bin ich über Twitter zufällig auf den Blog eines Schwulen geraten. Anscheinend hatte er als Kind wohl zu oft die Brigitte-Rubrik »Das waren doch nicht etwa SIE?!« gelesen.

Dort waren nämlich jahrelang Frauen in »unvorteilhafter« Kleidung, denen man zufällig auf der Straße, im Supermarkt usw. begegnet war, von hinten fotografiert und in der Brigitte an den Pranger gestellt worden. Angeblich so, dass sie nicht erkannt werden konnten, was ich allerdings stark bezweifle. Als »unvorteilhaft« galten hauptsächlich Miniröcke und Hotpants bei Frauen, deren Beine dicker als die von Twiggy waren; nicht von Pullover oder Jacken verdeckte Jeanshintern ab einer Kleidergröße über 36; sich unter der Bluse abzeichnende zu enge BHs oder freie Oberarme bei Frauen über 30.

Jener Schwule hatte beim CSD eine dicke Lesbe von hinten fotografiert, das Bild auf seinen Blog gestellt und außerdem noch über Twitter verbreitet. Die Frau war mit einer Jeans und einer Art Bustier bekleidet, es muss an jenem Tag sehr heiß gewesen sein. Ja stimmt, auch meiner Meinung nach war ihr die Hose viel zu eng und die Speckrollen … usw. In ungefähr 200 Kommentaren ließen sich dann die Ärsche über »fette Säue«, »unästhetische Lesben« und »Weiber, die als Schlachtvieh für Hundefutter verarbeitet werden sollten« aus.

»Bitte lassen Sie mich zu Rachel gehen«, fleht Hannah zum wiederholten Male und die Pflegerin antwortet: »Sie wissen doch, dass Rachels Familie keinen Kontakt wünscht.«

»Ich bin ihre Familie!« Aber niemand interessiert das. Alle im Pflegeheim haben sowieso wesentlich mehr Ahnung als Hannah selbst, was gut für alte Menschen ist. Ungeniert wird ihre Post gelesen und über ihren Stuhlgang gewacht.

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Ich bin alt, so schrecklich alt, Omas Alter ist nicht mehr weit von mir entfernt. Das mache ich nicht nur an meinen grauen Haaren fest, die kann ich ja färben und mir so beim Blick in den Spiegel eine andere Wirklichkeit vorgaukeln.

Auch die Tatsache, dass eine zwei Jahre jüngere Freundin vor Kurzem Großmutter geworden ist, habe ich noch einigermaßen gut verkraftet und meinen Kindern in einem ernsten Gespräch einfach das Kinderkriegen in den nächsten zwanzig Jahren untersagt.

...weiterlesen "Graue Haare und lange Finger"

In der Fernsehwerbung werden Frauen ähnlich nässenden Kleinkindern dargestellt, schrieb sinngemäß schon vor vielen Jahren eine Sprachwissenschaftlerin¹. Dabei wurden die Inkontinenzhilfen damals noch gar nicht beworben. Die Wissenschaftlerin meinte die Werbung für Tampons, Binden und Slipeinlagen.

Viel scheint sich seitdem nicht geändert zu haben. Noch immer nässen Frauen ein und brauchen während der Menstruation Binden und Tampons in vielen verschiedenen Größen. In den Tagen zwischen den Tagen sind Slipeinlagen angesagt.

...weiterlesen "Beruf: heute Gynäkologe, früher Sauschneider"