Vier Wochen sind seit Neunundsiebzigs Schlaganfall inzwischen vergangen und heute habe ich zum ersten Mal eine schriftliche Diagnose gesehen. Gleich als Erstes sticht mir der Begriff »adipositas per magna« ins Auge. Wie bitte? Zur Sicherheit sehe ich noch mal bei Wikipedia nach: Adipositas permagna oder morbide Adipositas, BMI  ≥ 40 … Übersetzt soll das wahrscheinlich heißen: Dicker geht’s nicht, Patientin steht bereits mit eineinhalb Beinen im Grab.

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Telefonanrufe sonntags morgens um halb sieben bedeuten in der Regel nichts Gutes. Neunundsiebzig war in der Nacht ins Krankenhaus gekommen, es besteht der Verdacht auf einen Schlaganfall. Verschlafen, panisch und ungläubig zugleich höre ich zu, was der Bruder erzählt. Um 22 Uhr am Abend zuvor war der Notarzt das erste Mal bei ihr gewesen und hatte sie als verwirrt, aber körperlich gesund bezeichnet. Als er um 3 Uhr erneut gerufen wurde, erfolgte die Krankenhauseinweisung. Nicht etwa, weil er die Situation inzwischen anders einschätzte, sondern weil ihm von Einundachtzig nachdrücklich erklärt wurde, irgendwas stimme nicht. Wahrscheinlich befürchtete er, sonst in dieser Nacht noch ein drittes Mal gerufen zu werden.

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Das Gespräch mit der zuständigen Ärztin war ganz gut gelaufen, wenigstens dachte ich das. Sie hatte Einundachtzigs Fragen ausführlich beantwortet und schien wirklich begriffen zu haben, dass Neunundsiebzigs momentane Verwirrung und der starre Blick nicht ihr Normalzustand sind. Doch keine fünf Minuten später wird klar, dass sie uns entweder nicht zugehört oder nichts verstanden hatte.

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Vor Kurzem meldete sich bei mir eine Bekannte, von der ich schon seit Jahren nichts mehr gehört hatte. Wir hatten uns einfach aus den Augen verloren, wie das eben manchmal so passiert. Jetzt war sie, Jahrgang 1944, zufällig auf »Ein Land der vergewaltigten Frauen und der Vergewaltiger« gestoßen und wollte sich ausdrücklich dafür bedanken, dass ich dieses Thema aufgegriffen habe.

 

Bei einem Telefonat ein paar Tage später fragte ich, ob sie denn eine Erklärung dafür habe, weshalb sich nicht einmal die Frauenbewegung in den Siebzigern mit den Millionen vergewaltigter Frauen in unserem Land intensiv beschäftigt hatte. Für ihre Mitstreiterinnen aus jener Zeit könne sie nicht antworten, meinte sie nach einer langen Pause, und nur für sich ganz persönlich sprechen: »Ich wollte nie was davon wissen, weil ich als Dreijährige dabei zusehen musste, wie meine Mutter von einem französischen Besatzungssoldaten vergewaltigt wurde.«

Als ich zum ersten Mal eine solche Geschichte hörte, war ich erschrocken und fassungslos gewesen. Mittlerweile schockiert es mich nicht mehr, ich habe schon viel zu viele davon gehört. Es fing einmal ganz »harmlos« an, in der Triologie »Jauche und Levkojen/Nirgendwo ist Poenichen/Die Quints« von Christine Brückner habe ich erst beim zweiten oder dritten Lesen (in Abständen von mehreren Jahren) begriffen, welche Auswirkungen die Vergewaltigung einer jungen Frau auf der Flucht für ihre damals noch kleinen Kinder hatte. Später kamen Erzählungen von Altenpflegerinnen dazu, je dementer meine Oma wurde, desto mehr Bemerkungen ließ sie fallen und irgendwann hatte ich endlich gelernt, Andeutungen zu verstehen und angefangen, bei bestimmten Gelegenheiten gezielt danach zu fragen – wie in dem Telefongespräch mit der Bekannten.

Nach dem Schweigen und Ignorieren während der Adenaueraera sind viele Dramen, Katastrophen und Auswirkungen der Nazi-, Kriegs- und Nachkriegszeit inzwischen thematisiert, erforscht und zum Teil auch irgendwie aufgearbeitet worden. Das Schicksal der vergewaltigten Frauen gehört bisher nicht dazu, aber auch die Traumata der Kriegskinder wurden sehr lange nicht wahrgenommen. »Seid froh, dass ihr überlebt habt!«, hieß es. »Räumt die Trümmer weg, baut auf, genießt euer Leben! Vergesst einfach, was ihr als Kinder erlebt habt!«.

Und die Kinder der Kriegskinder, zu denen ich zum Beispiel gehöre, fangen erst jetzt langsam an zu begreifen, dass auch wir kriegsgeschädigt sind – obwohl wir doch lange nach dem Krieg auf die Welt kamen. Soweit ich weiß, sind wir noch kein »Gegenstand von Forschung«, wir befinden uns noch in dem Stadium von Selbsthilfegruppen und wenigen Büchern mit Erfahrungsberichten. Sollten schon die Kriegskinder ihre Erlebnisse einfach verdrängen und sich des Lebens freuen, galt das erst recht für ihre Kinder. Wir hatten ja nun wirklich keinen Grund zu meckern, waren wir doch ins Paradies, sprich Wirtschaftswunder, hineingeboren worden.

Ein Phänomen kennen viele aus unserer Generation: Die »heile Welt«. Sie wurde von den Kriegskindern nach dem Krieg aufgebaut, in ihr hat man sich eingerichtet, hinter ihr hat man sich verschanzt. Wir, die Kinder der Kriegskinder, galten mit der Geburt als Stütze dieses Systems. Wir mussten funktionieren, so, wie die Eltern das vorsahen, damit die »heile Welt« heil blieb. Wir wurden geboren, um die seelischen Wunden zu heilen, um zu beschützen. Und wehe, wenn man dann als Kind oder Heranwachsender nicht so funktionierte, wie die Eltern das von einem erwarteten.

Im Zusammenhang mit dem Feminismus tauchen in regelmäßigen Abständen immer wieder Begriffe wie Generationen oder Wellen auf. Dialog der Generationen klingt zum Beispiel wirklich gut und die Wellen können hilfreich dabei sein, bestimmte Themen und Ereignisse zeitlich einzuordnen. Doch wenn »jüngere« (Frauen)Generationen einfach fortführen, was was Anfang der Fünfziger Jahre in Westdeutschland[1] stillschweigend zum allgemeingültigen Konsens erklärt worden ist, wird aus der Weitergabe von feministischer Geschichte und Erfahrungen stellenweise hanebüchener Unsinn.

Jene Bekannte, die sich jetzt überraschend bei mir wieder gemeldet hat, ist zwölf Jahre älter als ich. Sie gehört zur Generation der Kriegs- bzw. Nachkriegskinder, ebenso wie Alice Schwarzer oder Gisela Notz, um einmal zwei weitere Namen von vielen zu nennen. Feministinnen der 2. Welle, mit denen ich in sehr vielen Bereichen nur wenig gemeinsam habe. Ebenso wie zum Beispiel mit zwei meiner Cousinen, die 1944 und 1948 auf die Welt gekommen sind. Meine Lebensrealität entspricht wesentlich mehr der ihrer Kinder, obwohl der Altersabstand zu denen in Jahren größer ist als zu ihnen selbst.

Weder ich noch die sechs Jahre jüngere Liebste oder unsere gleichaltrigen Freundinnen haben dabei zugesehen, wie unsere Mütter vergewaltigt wurden. Ganz im Gegenteil, in unserer Kindheit und Jugend »gab es keine Vergewaltigungen«. In den verklemmten Fünfziger und Sechziger Jahren gab es noch nicht einmal einvernehmlichen Sex und der Nachwuchs wurde vom Storch gebracht. Bomben, Flucht, Hunger, alles (vermeintlich) Dinge außerhalb unserer Verstellungs- und Gefühlswelt. Der große Graben, der Umbruch oder die Trennungslinie, ich weiß selbst nicht, womit sich das am besten bezeichnen ließe, verläuft ungefähr im Jahr 1950 und ist mindestens ebenso gravierend wie der zwischen Menschen, die in der BRD und der DDR aufgewachsen sind.

Zaungäste, Jahrgänge, deren Geschichte ignoriert wird, die je nach Anlass mal hier und mal dort eingeordnet werden, wie es gerade am besten in den Kram passt. Das betrifft sowohl Frauen als auch Männer.

Nur für Frauen gilt: Mal zu den Feministinnen der 2. Welle zu gehören, mal das ganze Feminismusprojekt in den Sand gesetzt haben. Kein Interesse an Social Media zu zeigen, ja manchmal sogar zu blöd fürs Internet gehalten werden …

… während die gleichaltrigen Männer als »junge Väter« durch die Medien geistern und übers Windelwechseln twittern …

… und ein Idiot wie Kachelmann mehr Aufmerksamkeit von Feminist_innen erhält als all die vergewaltigten Frauen in unseren Altersheimen zusammen …

… weil die einen es nicht ertragen, sich mit ihren vergewaltigten Müttern auseinanderzusetzen und die anderen diesen Teil Frauengeschichte schlicht nicht kennen …

… und wir dazwischen viel zu oft viel zu wütend sind, um uns vernünftig zu Wort zu melden …

 


[1] Wie schon ein paar Mal hier betont, von vielen Dingen habe ich keine Ahnung, wie sie in Ostdeutschland verlaufen sind, gehandhabt wurden.

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Angeblich werden in Deutschland jedes Jahr ca. 100.000 Männer zwischen 50 und 80 Vater …

Eine Schätzung, denn exakte Angaben sind nicht zu finden. Aus unerfindlichen Gründen tauchen in Statistiken nur „eheliche“ Kinder auf. Heiraten zum Beispiel die Eltern erst ein paar Monate nach der Geburt, scheint das Alter des Vaters keine Rolle mehr zu spielen. Aber auch ohne genaue Zahlen ist nicht zu übersehen, dass die „alten Väter“ voll im Trend liegen und seit einiger Zeit im Internet, in Printmedien und Talkshows ein Dauerbrenner sind. Jeden Monat scheint ein anderer Politiker, Schauspieler oder Sportler über Fünfzig Nachwuchs zu bekommen und spätestens zwei Minuten nach der Geburt via Interview oder Pressemitteilung zu verkünden, wie glücklich er darüber ist.

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Aus dem Ehegattensplitting soll eine Art Familiensplitting werden. Wenigstens fordern das zurzeit wieder mal einige Politiker_innen. Sogar welche aus Parteien, denen es in den letzten Jahrzehnten völlig egal war, wie schlecht zum Beispiel gerade Alleinerziehende im Vergleich einem kinderlosen Ehepaar versteuert werden. Man ließ sich weder von Gesetzesinitiativen noch von Vorhaltungen der OECD beeindrucken.

Erst die Sache mit den Lesben und Schwulen, der Eingetragenen Lebenspartnerschaft und die Befürchtung, das Bundesverfassungsgericht werde demnächst ein weiteres Machtwort sprechen, hat der Diskussion nun neuen Schwung gegeben. Kaum verwunderlich, schließlich sind jetzt Männer mit Spiel. Zu den früher fast ausnahmslos weiblichen Alleinerziehenden hat sich mittlerweile der eine oder andere Mann gesellt und bei den Schwulen handelt es sich ebenfalls um Männer. Also muss etwas geschehen, wir brauchen eine Änderung im Steuerrecht für Familien. Wo kämen wir denn dahin, wenn Väter, ob alleinerziehend, schwul oder in einer nicht ehelichen Partnerschaft lebend, auf Dauer genauso behandelt würden wie Mütter seit der Abdankung von Kaiser Wilhelm?

...weiterlesen "Familie – für Männer ein Leben lang. Für Frauen nur bis zu den Wechseljahren?"

Ich habe ein neues persönliches Unwort. Viele Jahre stand die »Ruderoma« unangefochten an oberster Stelle meiner Liste. Doch nun wurde sie von der »Generation 50plus« abgelöst.

Ich frage mich schon seit Längerem, wer oder was das sein soll? In Fragebögen taucht unter Alter häufig die Rubrik »49 und älter« auf. Das scheint eindeutig: Alle Menschen über 49 Jahre gehören der ein- und derselben Gruppe an. Meine Meinung, meine Interessen, meine Lebenserfahrung scheinen demnach identisch mit denen meiner 98 jährigen Nachbarin zu sein. Anders kann mich mir diese Einteilung nicht erklären.

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Vorgestern bin ich beim Zappen in einen Fernsehbericht über Übernachtungsmöglichkeiten in Berlin geraten. Vorgestellt wurde ein Hotel, das ganz im alten DDR Stil gehalten ist.

Ein junger Mann erklärte: »Zu uns kommen alle möglichen Leute. Sogar ältere Frauen. Neulich haben hier welche ein Klassentreffen abhalten. Die waren so um die vierzig und haben sich trotzdem amüsiert wie Bolle!«

»Du tust immer so, als seien Männer behindert!« bekam ich mal von einer jungen Frau an den Kopf geschmissen, als ich einen Vorfall als typisch männliches Verhalten abtat. Ich weiß nicht mehr, worum es dabei ging. Allerdings musste ich ihr recht geben. Nach Jahrzehnten der Wut hatte ich einen Selbstschutz entwickelt. Solange ich gewisse Verhaltensweisen in der Schublade »typisch männlich, liegt halt in deren Genen«, einordnen kann, geht es mir wesentlich besser, als wenn ich mich ständig darüber aufregen muss und somit gezwungen bin, über entsprechende Reaktionen, Maßnahmen nachzudenken.

Ich entstamme einer (Deutschland West) Generation, die überall »zu spät kommt«, wie es Reinhard Mohr in seinem Buch »Zaungäste Die Generation, die nach der Revolte kam« 1992 beschrieb. Als in Berlin gegen die Notstandsgesetze demonstriert wurde, unterstützten wir die Oberstufe beim Kampf um eine Raucherecke im Schulhof und kamen uns dabei unheimlich rebellisch und verwegen vor.

 

Zaungäste dies gilt natürlich auch im Zusammenhang mit der Frauenbewegung der sogenannten zweiten Welle. Als die BHs verbrannt wurden, der Frankfurter Weiberrat Tomaten warf und die § 218 Diskussion hochkochte, war ich noch viel zu jung, um alles wirklich zu begreifen oder gar daran teilzunehmen. Fasziniert interessiert und gleichzeitig häufig ein wenig überfordert las ich Simone de Beauvoir und all die anderen angesagten Bücher – sofern ich sie in unserer Kleinstadt überhaupt auftreiben konnte -, erklärte Alice Schwarzer zu meiner Heldin und war wild entschlossen, in die Fußstapfen all dieser engagierten und so wunderbaren Frauen zu treten.

Bis ich endlich erwachsen genug war, gehörten die Männer in meinem links-alternativen Umfeld bereits zu den Softies und Frauenverstehern, mit meist langen Haaren und Bärten und umfassendem angelesenen Wissen über sämtliche Befindlichkeiten von Frauen. Keiner von ihnen wagte es, offen die Gleichberechtigung der Geschlechter anzuzweifeln, oder gar Sprüche wie »Eine Frau kann das nicht …« außerhalb des stillen Kämmerleins oder einer bierseligen Männerrunde von sich zu geben.

In den WGs war der Abwasch längst nicht mehr die selbstverständliche Aufgabe von Frauen, wie es noch zehn Jahre zuvor der Fall gewesen war. Nein, stattdessen diskutierten wir Frauen nun bis zum Erbrechen mit unseren männlichen Mitbewohnern über Schmutztoleranzgrenzen … und spülten anschließend erschöpft und zähneknirrschend das Geschirr, weil wir im Gegensatz zu ihnen den Dreck nicht mehr ertrugen. Ich denke, damals entstand der Witz: »Gut, dass wir darüber geredet haben.«

Es hat wirklich verdammt lange gedauert, bis ich endlich eines begriffen hatte: Die Frauenbewegung hatte uns den roten Lebensfaden – Kinder, Küche, Kirche unserer Mütter geklaut, sich aber anschließend klammheimlich aus der realen Welt und ihrer Verantwortung verabschiedet, uns keine praktikablen Alternativen an die Hand gegeben und beschränkte sich mittlerweile darauf, Frauen meiner Zaungäste Generation wie ein Experiment unter der Lupe zu beobachten und gelegentlich mit Vorwürfen zu überschütten, weil wir das Erbe nicht sorgsam hegten und pflegten.

Egal, wo wir waren, wohin wir kamen, was wir taten: Wir ernteten von allen Seiten Vorwürfe, weil wir nichts richtig machten und die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllten. Wir traten nicht fordernd und durchsetzungskräftig genug auf, zeigten uns nicht wirklich karriereorientiert. Nutzten die bisher hart erkämpften Chancen zu selten und empfanden darüber hinaus viel zu wenig Mitgefühl für die Probleme der Männer im Umgang mit ihrer neuen Rolle.

Ohne jemals nach unseren eigenen Wünschen oder persönlichen Bedürfnissen gefragt worden zu sein, oblag uns wie selbstverständlich die Aufgabe, für den künftigen Weltfrieden und eine bessere menschlichere Gesellschaft endlich eine Generation verständnisvoller Feministinnen und Feministen heranziehen … nein halt!

Erst einmal sollten wir diese sanft ohne Schmerzmittel zur Welt bringen und anschließend drei Jahre lang stillen, danach ökologisch gesund mit selbst angebautem Gemüse ernähren, sie selbstredend mit explizit geschlechtsneutralen Spielzeug versorgen und zur Not die passenden Kinderbücher selbst gestalten … uns dabei gleichzeitig um Pöstchen und Ämter in den Parteien bewerben, damit endlich die heiß ersehnte 50:50 Quotierung erreicht werden konnte, für den Frieden und gegen die Atomkraft demonstrieren … und uns als Gewerkschaftsmitglied energisch dafür einsetzen, dass die nächste freie Abteilungsleiterstelle in der Firma, in der wir Vollzeit arbeiteten schließlich sollten wir ja unser eigenes Geld verdienen und finanziell unabhängig sein nicht wieder mit einem Mann besetzt wird.

Wir schafften noch nicht mal die Hälfte davon und geistig leicht beschränkt, wie wir anscheinend zudem waren, entging uns bei all dem Stress auch noch, wie sich die Gesellschaft um uns herum allmählich verändert hatte. Wir redeten immer noch von Quotierung, da wurde uns die neue Unterzeile der Emma von »Frauen für Menschen« als der mittlerweile angesagte Lebensstil um die Ohren gehauen, und Frauen, die ein paar Jahre jünger als wir waren, verkündeten voller Stolz: »Der Feminismus ist out.« Musterten uns dabei angewidert von oben bis unten und forderten uns auf: »Rasiert Euch um Himmels willen mal die Beine!«

Ich glaube, das war der Punkt gewesen, an dem ich mich aus dieser Debatte verabschiedete, erneut zum Zaungast wurde und für mich beschloss, sogenanntes typisch männliches Verhalten beruhe auf einer Art Gendefekt, und solange ich nicht allzu sehr darunter zu leiden habe, werde ich darüber hinwegsehen. Die Frauen meiner Generation, die überall zu spät kam, haben die Quadratur des Kreises jedenfalls nicht geschafft, sich stattdessen ihre kleine privaten Fluchten geschaffen – und spielen in der Geschichte des Feminismus keine Rolle.

...weiterlesen "Feministische Zaungäste"