Am 19. September 2010 ist Jill Johnston im Alter von 81 Jahren gestorben.

»Seit Steffi damals Jill Johnston gelesen hat, ist sie vollkommen übergeschnappt. ‚Jede Frau ist lesbisch.‘ Schön wär ‘s.«

Jana hatte natürlich recht. Steffis stures Festhalten an dieser Theorie konnte ich auch nicht mehr nachvollziehen. Als ich nach meinem Coming Out das erste Mal etwas von Jill Johnston gehört hatte, fand ich diesen Spruch natürlich auch ganz toll. Bis ich dann dieses Buch in die Hand bekam und feststellte, dass es seitenlang nur aus diesem einen Satz bestand: Jede Frau ist lesbisch, nur weiß sie es nicht.«

Aus »Die tote Krankenschwester«, erschienen 2000. Weiterlesen »

Die Liebste und ich leisten uns den Luxus eines Bücherzimmers, Bücherlagers oder wie auch immer dieser Raum bezeichnet werden kann. Er hat keine Ähnlichkeit mit einer gemütlichen Bibliothek, wie man sie oft in alten Filmen sehen kann. Ein Aufenthalt darin beschränkt sich meist auf wenige Minuten, denn es gibt noch nicht mal einen Stuhl.

Allerdings lagern, stapeln wir dort nicht nur unsere Bücher, sondern auch z. B. Zeitschriften und andere Druckerzeugnisse. U. a. die (fast) kompletten Emma Jahrgänge von 1977 – 2006, sie machen einen großen Teil des Papierbergs aus. Und falls sich nun eine wundern sollte, wieso nur bis 2006, die Emma ist in den letzten Jahren doch immer regelmäßig erschienen? Da lautet die einfache Antwort: Wir kaufen sie nicht mehr. Und wenn wir ganz ehrlich sein sollen, dann müssen wir sogar zugeben, dass wir die Ausgaben unserer letzten drei oder vier Jahrgänge jeweils nur überflogen, aber nie richtig gelesen haben.

Gekauft haben wir die Emma so lange und so regelmäßig aus Solidaritätsgründen – mit einer Zeitschrift, die uns viele Jahre lang begleitet hat, die uns viele Informationen geliefert hat, die uns in manchen Bereichen und bei einigen Problemen weiterhelfen konnte. Die lange Zeit das einzige Sprachrohr der Frauenbewegung gewesen war. Der es gelungen war, kopflastige Theorien und Zusammenhänge des Feminismus allgemein verständlich für jedefrau auf die schlichte Wahl »Pascha des Monats« zu verdichten. Ich bin Hedwig Dohm, Elisabeth Selbert, Franziska von Reventlow und ganz vielen anderen Frauen, die sich um die Frauenrechte verdient gemacht haben, in der Emma das erste Mal »begegnet«.

Alles Gründe, mit einer Zeitschrift solidarisch zu bleiben, deren Inhalt mich von Jahr zu Jahr weniger interessierte, sondern ganz im Gegenteil, mich immer mehr ärgerte und aufregte. Es begann mit Kleinigkeiten und erreichte einen ersten Höhepunkt bei der PorNo Kampagne, wo meiner Meinung nach alles in einen Topf geworden wurde, freie Entscheidungen von Frauen über ihre Form der Sexualität, Pädophilie, Prostitution usw. und am Ende kam heraus – Zitat einer Freundin: »Demnächst gibt es Sex nur noch einmal im Jahr unter Aufsicht von Emma!«. Weiterlesen »

»Du tust immer so, als seien Männer behindert!« bekam ich mal von einer jungen Frau an den Kopf geschmissen, als ich einen Vorfall als typisch männliches Verhalten abtat. Ich weiß nicht mehr, worum es dabei ging. Allerdings musste ich ihr recht geben. Nach Jahrzehnten der Wut hatte ich einen Selbstschutz entwickelt. Solange ich gewisse Verhaltensweisen in der Schublade »typisch männlich, liegt halt in deren Genen«, einordnen kann, geht es mir wesentlich besser, als wenn ich mich ständig darüber aufregen muss und somit gezwungen bin, über entsprechende Reaktionen, Maßnahmen nachzudenken. Weiterlesen »

Rückenschmerzen und Verkrampfungen im Schulter und Nackenbereich begleiten mich schon seit sehr vielen Jahren. Dagegen hilft wenig, weder Gymnastik noch Massagen noch Tabletten oder Salben zeigten je wirklichen Erfolg. Alle paar Jahre, meist nach einigen schlaflosen schmerzgeplagten Nächten, suche ich einen Orthopäden auf und lasse mir empfehlen, was gerade »in« ist. Mal ist es Elektrotherapie, mal Fango, mal wird mir geraten, nicht mehr am PC zu arbeiten. Weiterlesen »

Früher gab es in vielen Familien die Großtante, die einmal im Jahr durch die Lande reiste und ihre Verwandtschaft besuchte. Wir haben keine Großtante mit derartigen Ambitionen. Wir haben dafür Mechthilde.

Ich weiß gar nicht so genau, weshalb ich immer noch nicht aus meinem Adressbuch gestrichen habe. Als ich sie kennenlernte, glaubte ich noch hetera zu sein und fand sie faszinierend. Sie war die einzige Lesbe weit und breit. Wenigstens die Einzigste, die ich als Lesbe (er) kannte.

Als sie mal wieder einen ihrer Besuche ankündigt, überlege ich kurz, ob ich mir eine ansteckende Krankheit zulegen soll, und sage am Ende doch wieder zu. Ganz so wie im letzten und vorvorletzten Frühjahr und in all den Frühjahren davor eben auch.

»Mechthilde kommt nächste Woche«, teile ich der Liebsten mit. Sie rollt nur mit den Augen und verkneift sich jeden Kommentar. Abends erzählt sie am Telefon einer anderen Freundin, dass wir am Wochenende leider keine Zeit haben, weil die Lesbenpolizei uns einen Besuch abstattet.

»Lesbenpolizei? Was oder wer ist denn das?« will die Freundin wissen und fragt, ob sie trotzdem kurz auf einen Kaffee vorbeikommen kann. Schließlich ist sie auch eine Lesbe, weshalb hat sie noch nie von einer Lesbenpolizei gehört?

Warum? Weil sie einige Jahre jünger als wir ist, einer anderen Generation von Lesben angehört und nicht weiß, wie früher alles mal war. Aber wenn sie Mechthilde kennenlernen will, bitte, wir halten sie nicht davon ab.

In den nächsten Tagen durchforste ich Wohnung und räume dieses und jenes beiseite. Selbst das leicht obszöne Bild einer halb nackten Frau in unserem Schlafzimmer hänge ich ab. Weiß ich, wohin sich Mechthilde verirrt?

Wie immer ist sie pünktlich auf die Minute und korrekt gekleidet. Sie erweckt den Eindruck einer Gouvernante aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts: Hosenanzug, kurze Haare, kein Make-up, dafür aber eine strenge Brille, die mittlerweile sogar wieder modern ist.

Doch das sage ich ihr besser nicht, sonst rennt sie noch umgehend zum Optiker auf der anderen Straßenseite und lässt sich eine neue Brille machen. Und da die Anfertigung einer Brille keine Sache von zwei Tagen ist, müsste sie ihren Besuch auf mindestens eine Woche ausdehnen.

Sie noch keine fünf Minuten da, als sie das Bücherregal einer Inspektion unterzieht. »Du bist eben doch keine richtige Lesbe«, wirft sie mir vor.

Noch immer stehen neben den lesbischen Krimis auch Agatha Christies und Ruth Rendells, was sie bereits in den Jahren davor heftig moniert hat. Früher, als ich noch Hetera war, durfte ich diese Dinge lesen, denn da wusste ich es ja nicht besser, wie sie meint.

Beim Kaffee beklagt Mechthilde dann den Verfall der guten Sitten und des Anstands, ganz wie die altertümliche Gouvernante … nur dass sie den Verfall der lesbischen Sitten und des lesbischen Anstands damit meint. »Die jungen Lesben von heute …«, ist einer ihrer Stoßseufzer.

Die Freundin grinst amüsiert, hängt an ihren Lippen und hört, was sie alles falsch macht.

Die jungen Lesben von heute wissen gar nicht mehr, wie es einmal war. Die jungen Lesben von heute sind äußerlich von den Heteras nicht mehr zu unterscheiden. Die jungen Lesben von heute gehen weder zum Frauenschwoof noch ins Frauencafé noch in den Frauenbuchladen.

»Alles, was wir mühsam erkämpft haben, nehmen sie selbstverständlich«, jammert Mechthilde. »Und alles, was wir aufgebaut haben, machen sie durch ihr Desinteresse kaputt! Wisst Ihr, wie viele Frauenbuchläden in den letzten Jahren schließen mussten?«

Strafend mustert sie mich von oben bis unten. »Du siehst auch nicht gerade wie eine Lesbe aus! Rock, lange Haare und geschminkt … wie eine Hete!«

Ich erröte pflichtbewusst und verteidige mich: »Alice Schwarzer hat gesagt, sie hat dafür gekämpft, dass die Frauen ihre Hosen anziehen können und sie selbst ihre Röcke!«

»Ach die!« Für die große Dame des deutschen Feminismus hat Mechthilde auch nur noch ein Achselzucken übrig. Viel zu männerfreundlich sei sie geworden, die liebe Alice. Macht keine Zeitung mehr von Frauen für Frauen, sondern von Frauen für Menschen und spekuliert darauf, dass die EMMA auch von Männern gekauft wird.

Wo sind nur die Frauen, die noch die reine Lehre vertreten? Und wissen, was Männer sind? Nämlich ungetüme Monster, potenzielle Schläger und Vergewaltiger, Machos, Sprücheklopfer … Sie, Mechthilde scheint die noch die einzig übrig Gebliebene der reinen lesbischen Lehre und des Heiligen Grals des Feminismus zu sein.

Ich versuche, das Thema zu wechseln. »Gehst du zum LFT?« frage ich verschüchtert.

»Da gehe ich schon seit Jahren nicht mehr hin!« Sie ist empört, dass ich überhaupt danach frage. »Das ist doch nur noch eine Konsumveranstaltung. Party, Party, ich warte nur auf die Workshops zur Diät und den Lippenstiftfarben des Sommers!«

»Na ja, ein paar andere Themen gibt es schon noch!«

»Vor allem Sex, Sex, Sex …«, grinst die Freundin und liefert Mechthilde das Stichwort.

»SM Lesben, Toys und was weiß ich noch alles!« ereifert sie sich.

»Was hast du denn dagegen?«

Mechthilde kommt in Fahrt. »Was ich dagegen habe? Was sind das denn für Lesben, die sich mit Dilfos penetrieren lassen?«

»Penetrieren?« Die Freundin scheint das einstige Pfuiwort der Frauenbewegung nicht einmal zu kennen.

»… Dilfos?« Ich weiß zwar, was penetrieren ist, schließlich habe ich zwei Kinder, aber Dilfos?

»Dildos in Delfinform, kennst du die etwa nicht?«

Die sind doch niedlich, was ist dagegen einzuwenden?

»Penetrationssex ist Männersex«, erklärt Mechthilde kategorisch. »Wozu haben wir denn aufgeklärt, dass es den vaginalen Orgasmus nicht gibt? Damit diese Schickimickilesben von heute Dilfos verkaufen? Immer rein damit, da kann frau sich auch einen Kerl holen! Bloß weil diese Dinger heutzutage nicht immer wie ein ekliger Penis aussehen, muss frau das doch nicht benutzen!«

»Wie gut, dass ich das Schlafzimmer aufgeräumt habe!«, denke ich und frage: »Hm, und was ist mit dem Spruch: ‘Jede nach ihrer Fasson?’ War das nicht auch mal ein Anliegen?«

Mechthilde geht gar nicht darauf ein und ereifert sich über die SM Lesben. »Jahrzehntelang haben wir dafür gekämpft, dass Männer ihre Frauen nicht mehr verdreschen und dann kommen so ein paar durchgeknallte Weiber und machen es nach. Was sind denn das für Beziehungen, wo eine Frau die andere verhaut? Weißt du, wohin das schon geführt hat? Gewalt in Lesbenbeziehungen, wie bei den stinknormalen Heteros, pfui Deibel!« Sie schüttelt sich.

Die Freundin, die so wild darauf gewesen war, die Lesbenpolizei kennenzulernen, hat die Schnauze voll und verabschiedet sich. »Ich gehe mir jetzt eine Reitgerte ausleihen …«, sagt sie noch schnell, bevor ich sie aus dem Zimmer schieben kann.

»Was hat sie gesagt?« fragt Mechthilde, als ich zurückkomme.

Nächstes Jahr werde ich doch krank. Oder ich leihe mir die Reitgerte für Mechthilde aus …

© Nele Tabler 2004