Das Märchen von der Katharina und ihren Lebkuchen - karnele - Blog von Nele Tabler und HAIGE
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Buchcover von "Wir bellen zweisprachig, Hundeköpfe rechts und links, in der Mitte Text, schwarz, beige unterlegt

Das Märchen von der Katharina und ihren Lebkuchen
Kolumnen und Texte - Mischmasch
Geschrieben von: Nele Tabler   
Donnerstag, den 17. Dezember 2009 um 13:56 Uhr

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Katharina. Katharina Schrader. Die lebte vor ganz langer Zeit. Vor fast 400 Jahren. In einem Städtchen namens Wernigerode im Harz. Aber das nicht so wichtig. Das muss sich jetzt niemand merken. Denn in der späteren Geschichte von der Katharina spielt das keine Rolle mehr. Als Katharina dann etwas älter war, so fünfzehn oder sechzehn Jahre, wollte sie Bäckerin werden. Um das zu lernen, ging sie in eine andere Stadt. Die hieß Quedlinburg. Der Namen von dieser Stadt ist auch nicht so besonders wichtig. Wenigstens nicht für diese Geschichte.


Doch Quedlinburg ist eine wunderschöne Stadt und ziemlich berühmt wegen der vielen Fürsten und Kaiser und Könige, die dort einmal gelebt haben. Und genau aus diesem Grund ist Katharina auch dahin gegangen, um das Bäckerhandwerk zu lernen. Denn bei den Fürsten und Kaisern und Königen wurde immer besonders gut gegessen. Diese vornehmen Herrschaften wollten eben immer nur das Köstlichste vom Köstlichen auf dem Teller haben. Und darum haben in ihren Küchen die besten Köche der Welt das leckerste Essen gekocht. Und die besten Bäcker der Welt die allerfeinsten Kuchen gebacken.

Der allerallerallerfeinste Kuchen, den die Fürsten und Könige und Kaiser damals gegessen haben, das ist der Lebkuchen gewesen. Heute essen die Leute lieber Torte oder Apfelkuchen oder Hefezopf, aber damals haben sie am liebsten Lebkuchen gegessen.

Und weil die Katharina so fleißig und so klug und so begabt gewesen ist, hat sie ganz schnell gelernt, wie Lebkuchen gebacken werden. Als sie das dann konnte, da hat sie sich dann eigene, wirklich besonders gute Rezepte für Lebkuchen ausgedacht. Und die Lebkuchen, die sie gebacken hat, wurden im Laufe der Jahre immer besser. So gut, dass den Fürsten und Kaisern und Königen schon das Wasser im Mund zusammen gelaufen ist, wenn sie nur gehört haben, dass die Katharina wieder ein neues Rezept erfunden hat.

Als die Katharina 20 Jahre alt war, ging sie dann von Quedlinburg nach Nürnberg. In Nürnberg lebten auch viele reiche Leute, die gern Lebkuchen gegessen haben. Deshalb wurde schon damals Nürnberg die Stadt der Lebkuchen genannt. Die besten Lebkuchenbäcker und Lebkuchenbäckerinnen der ganzen Welt lebten damals in Nürnberg. So heißt es wenigstens. Die Lebkuchen von der Katharina Schrader waren bald sehr beliebt. Es hatte sich schnell rumgesprochen, dass die »Schraderin« - so haben die Leute die Katharina genannt - so tolle Lebkuchen backen konnte. Und die Menschen kamen von weit her, um bei der Schraderin Lebkuchen zu kaufen.

Aber, wie schon gesagt, es lebten in Nürnberg noch viele andere Lebkuchenbäcker und Lebkuchenbäckerinnen. Und einige von ihnen die waren ziemlich neidisch und sauer, dass so viele Leute immer nur den Lebkuchen von der Schraderin essen wollten und bei ihnen nicht mehr so viel gekauft haben. Und einer von ihnen ist ganz besonders neidisch und sauer gewesen. Das war der Hans. Bäckermeister Hans Metzler hat er geheißen. Die Leute haben ihn Hänsel genannt.

Der Hänsel hatte noch eine Schwester. Die hieß Margarete. Damals hießen sehr viele Frauen Margarete. Um die vielen Margaretes unterscheiden zu können, haben die Leute ihnen Spitznamen gegeben. Die eine Margarete wurde dann Marga gerufen und die andere Grete. Und die Schwester vom Hänsel, diese Margarete, hieß bei den Leuten Gretel.

Der neidische und zitronensaure Hänsel war ziemlich böse auf die Katharina Schrader. Er überlegte hin und her, wie er die guten Lebkuchenrezepte von der Schraderin in die Hände bekommen könnte. Und nachdem er lange genug nachgedacht hatte, kam ihm eine ganz fiese Idee. Er würde die Katharina einfach heiraten, und dann würden die Rezepte ihm gehören! So hatte er sich das ausgedacht. Schließlich war die Katharina ja noch nicht verheiratet gewesen, und jede anständige Frau musste einfach einen Mann haben. Das haben zumindest früher die Leute gedacht. Ja, der Hänsel, der dachte wirklich, er tue der Schraderin einen großen Gefallen, wenn er sie heiraten würde. Und dass es dann nur recht und billig wäre, wenn ihm die Katharina dafür als Belohnung ihre Rezepte geben würde.

Also ging er zu der Katharina und fragte sie, ob sie ihn heiraten würde. Aber die Katharina hat ihn nur ausgelacht. Sie hat so lang und laut gelacht, dass ihr schon der Bauch wehgetan hat. Sie wollte den Hänsel nicht heiraten. Sie wollte überhaupt keinen Mann heiraten.

Der Hänsel ärgerte sich grün und blau, weil seine List nicht funktioniert hatte, und überlegte weiter. Und da kam ihm eine noch fiesere Idee. Er ging zu den Pfarrern und dem Bürgermeister und Stadträten von Nürnberg und sagte, dass die Lebkuchenbäckerin Katharina Schrader, genannt die Schraderin, eine ganz böse Hexe wäre.

Damals vor 400 Jahren, da hatten die Menschen große Angst vor Hexen. Warum das so war, weiß ich auch nicht so ganz genau. Denn eigentlich gibt es ja auch gar keine bösen Hexen. Das ist nur eine doofe Erfindung von irgendeinem dummen Mann gewesen.

Denn früher gab es viele Frauen, die wurden die weisen Frauen genannt. Sie wussten ganz viel über Kräuter und konnten richtige Medizin daraus machen. Sie haben vielen Menschen geholfen und schlimme Krankheiten geheilt. Irgendwann hieß es dann, diese weisen Frauen wären böse Hexen, die anderen schreckliche Dinge antun würden. Und deshalb wurden damals viele, viele Frauen ermordet. Die wurden auf einem Holzhaufen gestellt und verbrannt. Jedes Mal, wenn einem Mann eine Frau nicht passte, musste er bloß schreien: »Diese Frau ist eine Hexe«. Schwupp, kam die Polizei und hat die Frau mitgenommen.

Ganz genau so ist das auch mit der Katharina Schrader gewesen. Der böse Hänsel war neidisch, weil die Schraderin bessere Lebkuchen als er backen konnte. Und da hat er dann einfach behauptet, die Katharina sei eine Hexe. Und dann kam die Polizei und hat die Katharina mitgenommen. Sie haben sie gefesselt und geschlagen und ihr die Haare ausgerissen und noch viele andere schlimme Sachen mit ihr gemacht. Und dabei haben sie immer verlangt, dass die Katharina endlich zugeben sollte, dass sie eine Hexe ist. Und dass sie nur deshalb so gute Lebkuchen backen konnte, weil sie einfach gehext hat.

Aber die Katharina ist eine starke Frau gewesen. Sie hat immer nur gesagt, dass sie keine Hexe ist. Und dass der Hänsel lügt. Und nach einer Weile hat die Polizei die Katharina dann auch wieder freigelassen. Sie hatte erst mal ganz großes Glück, dass sie nicht auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden ist.

Die Katharina hatte danach natürliche ziemlich große Angst und ist aus Nürnberg weggegangen. Ziemlich weit weg hat sie sich ein kleines Häuschen mitten im Wald gekauft. Und dort hat sie dann gelebt und weiter ihre Lebkuchen gebacken. Und manchmal ist sie in eine Stadt oder ein Dorf gegangen und hat dann auf dem Markt ihre Lebkuchen verkauft.

Nach einer Weile aber hat der Hänsel erfahren, wo die Katharina jetzt lebt. Und er wollte immer noch ihre Rezepte haben. Und er war irrsinnig wütend, weil seine bösen Lügen nichts geholfen hatten. Eines Tages ging er dann mit seiner Schwester Gretel los und suchte im Wald nach der Schraderin. Und weil die Katharina ihm wieder nicht die Rezepte geben wollte, hat der Hänsel sie umgebracht. Dann haben er und die Gretel alles durchsucht und sogar den Garten umgegraben, aber die Rezepte haben sie nie gefunden.

Leider ist und war es in der Welt noch nie besonders gerecht. Und deshalb ist der Hänsel für seine böse Tat auch nicht bestraft worden. Die Polizei dachte sich, dass die Schraderin wahrscheinlich doch eine Hexe gewesen ist. Und Hexen darf man ermorden - das haben damals die Männer geglaubt.

Der Hänsel hat später versucht, die leckeren Lebkuchen der Katharina auch ohne Rezepte nachzubacken. Aber das ist ihm nie zu richtig gut gelungen. Trotzdem war er in Nürnberg ein sehr angesehener Mann, und später ist er sogar noch Stadtrat geworden. Was aus seiner Schwester, der Gretel, geworden ist, weiß ich nicht. Und ich weiß nicht, warum die Gebrüder Grimm so viel dummes Zeug über die Katharina und den Hänsel und die Gretel erzählt haben.



© Nele Tabler 2000

 

 
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Kommentare  

 
#1 Katharinas Erbinnen 2010-03-11 08:16
Frauen und Mädchen werde überfallen, verwaltigt und abgeschlachtet. Sie landen im Gebüsch, und Gräben und in Tümpeln und keiner regt sich auf. Es wird stillschweigend hingenommen. Zwei Brüder machen ein Märchen daraus und stellen die Geschichte auf den Kopf.
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