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Liebe Leserinnen,
die Liebste und ich leisten uns den Luxus eines Bücherzimmers, Bücherlagers oder wie auch immer dieser Raum bezeichnet werden kann. Er hat keine Ähnlichkeit mit einer gemütlichen Bibliothek, wie man sie oft in alten Filmen sehen kann. Ein Aufenthalt darin beschränkt sich meist auf wenige Minuten, denn es gibt noch nicht mal einen Stuhl.
Allerdings lagern, stapeln wir dort nicht nur unsere Bücher, sondern auch z. B. Zeitschriften und andere Druckerzeugnisse. U. a. die (fast) kompletten Emma Jahrgänge von 1977 – 2006, sie machen einen großen Teil des Papierbergs aus. Und falls sich nun eine wundern sollte, wieso nur bis 2006, die Emma ist in den letzten Jahren doch immer regelmäßig erschienen? Da lautet die einfache Antwort: Wir kaufen sie nicht mehr. Und wenn wir ganz ehrlich sein sollen, dann müssen wir sogar zugeben, dass wir die Ausgaben unserer letzten drei oder vier Jahrgänge jeweils nur überflogen, aber nie richtig gelesen haben.
Gekauft haben wir die Emma so lange und so regelmäßig aus Solidaritätsgründen – mit einer Zeitschrift, die uns viele Jahre lang begleitet hat, die uns viele Informationen geliefert hat, die uns in manchen Bereichen und bei einigen Problemen weiterhelfen konnte. Die lange Zeit das einzige Sprachrohr der Frauenbewegung gewesen war. Der es gelungen war, kopflastige Theorien und Zusammenhänge des Feminismus allgemein verständlich für jedefrau auf die schlichte Wahl »Pascha des Monats« zu verdichten. Ich bin Hedwig Dohm, Elisabeth Selbert, Franziska von Reventlow und ganz vielen anderen Frauen, die sich um die Frauenrechte verdient gemacht haben, in der Emma das erste Mal »begegnet«.
Alles Gründe, mit einer Zeitschrift solidarisch zu bleiben, deren Inhalt mich von Jahr zu Jahr weniger interessierte, sondern ganz im Gegenteil, mich immer mehr ärgerte und aufregte. Es begann mit Kleinigkeiten und erreichte einen ersten Höhepunkt bei der PorNo Kampagne, wo meiner Meinung nach alles in einen Topf geworden wurde, freie Entscheidungen von Frauen über ihre Form der Sexualität, Pädophilie, Prostitution usw. und am Ende kam heraus - Zitat einer Freundin: »Demnächst gibt es Sex nur noch einmal im Jahr unter Aufsicht von Emma!«.
Es folgten Kleinanzeigen fürs Heilfasten und Schönheitsfarmen, Buchbesprechungen, die in meinen Augen mies verkappte Werbeanzeigen zu sein schienen, und ein weiterer Höhepunkt war erreicht, als ungefähr 1990 (?) zum ersten Mal eine neue Generation von Feministinnen versuchte, frischen Wind in die Diskussionen zu bringen und Thesen vertrat, die nicht der Emma Richtung entsprachen, warum auch immer.
Trotzdem haben wir die Emma beharrlich weiter gekauft und nach allen Seiten verteidigt. Denn eines war uns klar: Ohne Emma wäre die Frauenbewegung in Deutschland immer noch auf dem Stand der Sechziger Jahre gewesen. Und wenn wir die Emma in Schutz genommen haben, ging es natürlich jedes Mal auch um Alice. Wenn auf die eine eingeschlagen wurde, war ja auch gleichzeitig die andere damit gemeint.
Alice - die große Dame des Feminismus, die in Zeiten ihren Kopf für alle Frauen hingehalten hat, als manche noch nicht mal begriffen, was sie da gerade macht. Die den Kampf gegen den § 218 ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit brachte. Die Fabrikarbeiterinnen dabei unterstützte, denselben Lohn wie ihre männliche Kollegen einzuklagen. Die sich mit einer *** wie Esther Vilar in ein Fernsehstudio setzte und diskutierte. Die Worte wie Vergewaltigung und Frauenhaus via Medien in spießige verlogene deutsche Wohnzimmer trug. Und die sich nie anmerken ließ, ob sie Beschimpfungen wie frigide, potthässlich usw. verletzten konnten und stattdessen auch bei der nächsten Gelegenheit ihre Meinung laut äußerte.
Es war die Fernsehdiskussion mit Verona Dingenskirchen, die mich zum ersten Mal wirklich ernsthaft fragen ließ: Was ist bloß los mit Alice? Wie konnte sie sich auf diesen Schwachsinn nur einlassen? Wo war ihr Instinkt geblieben? Zeitweise beschlich mich das Gefühl, sie hatte tatsächlich geglaubt, dass diese Frau so dumm ist, wie ihre Blubb-Blubb und Da-werden-sie-geholfen Werbung den Eindruck erwecken will. Wenn je eine Frau ihre Hausaufgaben in Sachen Frauenrechte gemacht hatte, dann war es doch Verona. Andere Frauen lassen sich von ihren Männern auch noch das fünfte Mal krankhausreif schlagen und kehren nach einem Zwischenstopp im Frauenhaus wieder zu ihren Peinigern zurück. Bei ihr reichte eine Ohrfeige von Dieter B. aus, und sie saß heulend im Fernsehen und erzählte eine Stunde lang darüber und ließ ihn nur noch schnell wissen, mit wie vielen Millionen sie diese Ohrfeige in Rechnung stellte.
Nach dieser Diskussion wiederholten sich immer häufiger sarkastische, abfällige Bemerkungen über junge Feministinnen, die ihr nur bis zu einem gewissen Grad folgen wollten und Lust darauf hatten, andere Wege wenigstens mal auszuprobieren.
»Alles schon mal da gewesen – haben wir schon ausprobiert, funktioniert aber nicht – kalter Kaffee – Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr da macht – jetzt ist aber Schluss mit der Diskussion über das Buch xx (geschrieben von einer jungen Feministin) und wir wenden uns wieder ernsthaften Dingen zu – alle paar Jahre bilden sich junge Frauen ein, den Feminismus neu erfunden zu haben«. Selbst mein Großvater war aufgeschlossener und toleranter gegenüber jungen Menschen als Alice, Emma und die Damen, die für sie arbeiten – und das will was heißen.
Es geht mir dabei überhaupt nicht um die Richtigkeit der Argumente. Doch die goldene Regel einer Gesellschaft, einer Theorie, einer Lebensart etc. ist doch die Mischung von neuen Ideen und alter Erfahrung, nur so kann sich etwas weiterwickeln. Bleibt es ausschließlich bei der Erfahrung, gibt erst den Stillstand, gefolgt vom Untergang. Vor noch nicht allzu langer Zeit haben uns ja die Ostblockstaaten demonstriert, wie das so läuft, wenn eine gute Idee nicht weiter entwickelt wird. Die meisten Eltern durchleben dieses Prinzip tagtäglich neu, ohne dass sie groß darüber nachdenken. Sie lassen die Kinder an ihren Erfahrungen teilhaben: »Die Herdplatte ist heiß, du verbrennst dich!« und nehmen irgendwann gern den Rat der Kinder an: »Kauf dir mal den supermodernen Herd xx, da kann man sich nicht mehr verbrennen!«
Bei Emma und Alice ist diese goldene Regel leider bisher nicht angekommen. Stattdessen Werbung in der Bildzeitung und ein fragwürdiger Umgang mit Lisa Ortgies und immer wieder neue Beweise, dass irgendwo auf dem Weg von der § 218 Kampagne bis heute der gesunde Menschenverstand auf der Strecke geblieben ist …
… was sich gerade aktuell in einem Emmaforum bei einer Diskussion über amazon Rezensionen beweist. Da tobt schon seit ziemlicher langer Zeit ein Krieg der Rezensent_innen bei amazon. Wer gegen welche und warum ist für Außenstehende wie mich nicht nachzuvollziehen. Gekämpft wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, es gelogen, diffamiert, gedroht, ab- und aufgewertet und gemobbt. Leidtragende sind die Autor_innen von A-Z sämtlicher Genres und Verlage, die eine gute Rezension von Fraktion A mit einer miserablen von Fraktion B büßen müssen. Wie gesagt, das geht bereits seit Jahren so und ich könnte schwören, niemand weiß mehr, warum das eigentlich alles mal anfing. »Lass sie doch, was geht mich das an, interessiert mich nicht«, habe ich gedacht, als vor ca. einem Jahr ein Buch von mir einen Kollateralschaden bei diesem Krieg erlitt (konnte repariert werden).
Und dann plötzlich beschließt Emma nicht nur, sich da einzumischen, sondern behauptet auch noch, die einzig gültige Wahrheit dieser jahrelangen Auseinandersetzungen zu kennen und kommt zu dem Schluss: Eine feministische Rezensentin wird gemobbt, bedroht … Und nachdem ich über »Gewalt gegen Bloggerinnen« geschrieben habe, erhalte ich Mails von Hugo und Minna, die mich darüber aufklären, dass diese Gewalt doch ein Pippifax gegen das sei, was Rezensentin xxx widerfahre, die allerdings Glück habe und jetzt endlich Schützenhilfe von Emma und Alice erhalte. Ähnliche Äußerungen tauchen in weiteren Foren auf, überall da, wo über die Morddrohung gegen eine Bloggerin und weitere Gewalt gegen bloggende Frauen diskutiert wird.
Hä?
Trulla und Otto starten dann den Versuch, mich über Hintergründe aus zwei verschiedenen Perspektiven aufklären zu wollen. Danke für den Versuch, aber ich kapiere es nicht und will es auch nicht kapieren und werde keine Partei ergreifen!
Ich habe keine Ahnung, was Emma und Alice mit dieser Einmischung bezweckten. Allerdings schlage ich ihnen eine neue Rubrik vor: »Feministische Märtyrerin des Monats«
Es grüßt Euch herzlich

© Nele Tabler 2010
Â
Nachtrag 5. April 2010:
Gestern schickte mir jemand diesen Link: Gewalt gegen bloggende Frauen (Fallsammlung)
Leider wird hier auch wieder Bezug auf den Krieg um die Amazonrezensionen genommen. Ich kann es nur noch einmal betonen: Diese Geschichte hat nichts mit dem Thema "Gewalt gegen Bloggerinnen" zu tun.
Â


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Kommentare
Zitat:
gestern gelesen. Hat Humor. Halte es aber für grenzwertig. Paßt nicht zu Deinen Texten hier. Komisches Buch für eine Feministin.
Das bezieht sich auf "Senta und Ulla" und darin geht es NICHT ums Sockenstricken. Deshalb werde ich Deinen Kommentar unter der anderen Kolumne auch löschen, bevor hier noch große Verwirrung entsteht.
Was soll ich sagen? Es ist eigentlich viel zu nervig, immer wieder diesen Mist zu lesen. Zum Zitat eignen würde sich ja:
Zitat:
Vielleicht werde ich das irgendwann mal verwenden, geplant ist aber ist nichts und momentan fehlt mir auch die Zeit
Wiederholung
Zitat:
Zitat:
Insiderwitz? Richtiger Titel?
Die gute Alice hat es nämlich schon wieder getan
Zitat:
Sie kann es einfach nicht lassen
Insiderwitz? Richtiger Titel?
Vergessen habe ich die Courage nicht, aber sie hat immer nur einen kleinen Teil der Frauen vertreten. Übrigens genau die Frauen, die sich auch über viele meiner Texte mokieren, weil sie angeblich nicht ernsthaft genug sind. Die Courage Frauen haben nie begriffen, dass nicht jede Frau erst mal fünf klein bedruckte Seiten lesen will, um zu erfahren, dass ihr Männe auch mal den Abwasch machen soll, sprich: Die Courage war einfach zu kopflastig. Ein weiterer Grund, weshalb sie gegen Emma nie eine Chance hatte: Es fehlte die Chefin, die nach zehn Stunden Diskussion darüber, ob der Kugelschreiber grün oder rot sein muss, basta sagen konnte. Ich habe das damals sehr genau verfolgt und denke, neben allen anderen Problemen, haben die Courage Frauen sich auch zu Tode diskutiert.
Nele
Falsch! Ich erinnere an die Courage, die in einer einzigen Ausgabe inhaltlich mehr bot, als die Emma in einem ganzen Jahrgang.
maedchenmannschaft.net/.../
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