Und Tschüss

Es soll ja Lesben geben, die bereits im Kindergarten wussten, dass sie lesbisch sind. Oder sich spätestens als Jugendliche darüber im Klarem waren. Ich gehöre nicht zu diesem erlauchten Kreis. Ich bin eine Spätzünderin und verdanke meine Selbsterkenntnis eigentlich mehr einem Zufall als bewussten Überlegungen.

Unvermittelt und beinah ohne eigenes Zutun war ich Mitglied in einem Verein geworden und verlangte erst, als bereits alles zu spät war, die Vereinssatzung zu lesen sowie die anderen Mitglieder und die Umgangsregeln kennenzulernen.

Wie war das, als Lesbe zu leben? Wie benahm sich frau als Lesbe? Wo konnte ich andere Lesben kennenlernen?

Leichter gefragt als beantwortet. Auch wenn es noch nicht soooo lange her ist, damals gab es noch kein Internet. Die einzigen in der Öffentlichkeit bekannten Lesben waren Hella von Sinnen und Cornelia Scheel, die ungefähr zur gleichen Zeit als Sensation durch die Medien geisterten.

Mein erster Anlaufpunkt war ein Frauenbuchladen in der nächsten Großstadt. Doch die Auswahl der vorhandenen Bücher – von Videos war in diesem Zusammenhang erst recht noch keine Rede – erwies sich als kümmerlich und wenig befriedigend. Was nicht an den Betreiberinnen des Buchladens lag, sondern daran, dass es damals einfach keine wirkliche Auswahl gab.

Als Nächstes wühlte ich mich durch alte Ausgaben der Emma. Auch hier fand ich nur wenige Antworten. Doch dann las ich eine Anzeige. Nicht in der Rubrik: Sie sucht sie. Nein, unter Diverses suchte eine Frau nach Informationen zu einem Thema, das mir mittlerweile längst entfallen ist. Dabei erwähnte sie auch ihren Status als Lesbe und gab – so naiv konnte frau zu der Zeit noch sein – ihre Adresse und Telefonnummer all den Leserinnen der Emma bekannt.

Zum gesuchten Thema konnte ich nichts beisteuern. Aber diese Frau, diese Lesbe, wohnte ganz in meiner Nähe. In einem der Nachbardörfer, nur wenige Kilometer entfernt. Es gab außer mir, Hella von Sinnen, Cornelia Scheel und dem durchgeknallten Weib, dem ich mein Coming Out verdankte, tatsächlich noch andere Lesben. Und nicht nur in irgendwelchen weit entfernten Großstädten, sondern bei mir hier auf dem Land! Diese Erkenntnis versetzte mich in einen Freudentaumel und ohne weiter nachzudenken, griff ich spontan zum Telefonhörer.

Als die Frau sich meldete, schaltete sich wieder mein Gehirn ein und ich wusste erst überhaupt nicht, was ich sagen sollte. »Hallo, ich bin gerade Mitglied im Verein der Lesben geworden und wollte mal die anderen kennenlernen …«

Also stotterte ich herum. Zu meiner Verblüffung schien die Lesbe am anderen Ende der Leitung ziemlich schnell zu verstehen. Es kam ein halbwegs verständliches Gespräch zustande und sie lud mich zum Frühstück einige Tage später ein.

An jenem Tag traf ich dann zum ersten Mal die Frau, die den aufmerksamen Leserinnen hier allgemein als Freundin oder auch als Großmutter oder unter dem Namen Spachtel-Susi bekannt ist.

Damals allerdings traf noch keiner der Begriffe auf sie zu. Naturgemäß wurde aus ihr erst im Laufe der Zeit eine Freundin. Die Frau, die sie Jahre später zur Großmutter machen sollte, besuchte zu jener Zeit noch die Grundschule. Und den Spitznamen Spachtel-Susi verdankt sie unserem Umzug vor zwei Jahren.

Sie wohnte mit ihren drei Kindern in einer Neubausiedlung am Dorfrand. Von außen sah das Einfamilienhaus aus wie alle anderen in der Straße. Doch innen empfing mich das Chaos. Ein unglaubliches Durcheinander, das mich an ihrer Stelle dazu gebracht hätte, meine Wohnungstür zu verbarrikadieren und aus Scham niemanden hereinzulassen.

Sollte meine Mutter noch einmal behaupten, ich sei unordentlich, würde ich sie hierher schleppen. Dieser Gedanke gefiel mir und mich beeindruckte, wie locker die Frau damit umging. Keinerlei Bedenken, eine Fremde durch ihre Wohnung zu führen. Keine Entschuldigungen wie »Ich bin heute noch nicht zum Aufräumen gekommen.«

Was ich ihr, nebenbei bemerkt, sowieso nicht geglaubt hätte. Ich hätte ihr allenfalls den Satz: »Ich bin leider die letzten drei Jahre nicht mehr zum Aufräumen gekommen.« abgenommen.

Sie erzählte mir, sie sei gerade dabei, ein neues System ausprobieren. Alles in der Mitte eines Zimmers auf einen Berg stapeln und von dort dann Stück für Stück an seinen Platz zu räumen. Nur leider torpedierten ihre Kinder das Vorhaben. Während sie ein Teil wegräumte, durchwühlten die Kinder mal schnell den Berg, weil sie etwas suchten. Oder legten drei Teile dazu. Und begannen, in ihren Zimmern ebenfalls Berge aufzuhäufen.

Ihre Freundin war einige Tage zuvor ausgezogen. Die Trennung war noch frisch und schmerzhaft. Bereits nach zehn Minuten hatte ich von den ersten ungeschriebenen Gesetzen meines neuen Vereins erfahren: Häufig dauern lesbische Beziehungen nicht länger als zwei bis drei Jahre.

Regel Nummer zwei: Nach einer gewissen Zeit des Abstands und der Verarbeitung bleiben viele Lesben miteinander befreundet und führen keine Dauerkriege wie bei den Heteros üblich.

Regel Nummer drei: Da viele Lesben ein Dasein als Schranklesben führten und sich nicht trauten, offen aufzutreten, blieb einer Lesbe außerhalb von Großstädten meist nichts anderes übrig, als über Anzeigen nach den anderen Vereinsmitgliedern zu suchen. Weshalb sie von meinem Anruf zwar überrascht gewesen war, ihn aber nicht allzu erstaunlich fand.

Sie selbst machte allerdings aus ihrem »lesbisch sein« kein Geheimnis. Nicht nur ihre Kinder, ihre Familie und das direkte Umfeld wussten Bescheid, sondern auch das ganze Dorf und alle, mit denen sie sonst zu tun hatte. Stolz trug sie an ihrem Blazer einen Button mit dem doppelten Frauenzeichen und erklärte jedem, der sie danach fragte, was es bedeutete.

Kurze Zeit nach unserem Kennenlernen meldete sich die Redaktion von Hans Meisers Talkshow bei ihr. Man sei durch einen Leserinnenbrief bei der Emma auf sie aufmerksam geworden. Ob sie nicht an einer Sendung mit dem Titel: »Jetzt sage ich es allen!« teilnehmen wolle? Talkshows mit und über Lesben waren zu der Zeit groß in der Mode.

Sie sagte ohne Scheu zu und avancierte für eine Weile zum Fernsehstar. Amüsiert erfuhr sie von einem kleinen Jungen in der Nachbarschaft, der nach der Sendung stolz herumerzählte, er habe sie bereits vorher schon einmal »lesben« gesehen. Jedoch verkniff sie sich die Nachfrage, was er denn genau damit meinte. Denn er war nicht der einzige, der sie schon mal »lesben« gesehen hatte.

Eines Abends hatten ihre Freundin und sie vergessen, die Rollläden runter zu machen und eine neugierige Nachbarin beobachtete vom Balkon aus äußerst interessiert, was gegenüber im Schlafzimmer passierte. Danach zog sie durchs Dorf und zeigte mit großem schauspielerischen Talent allen Interessierten, wie es denn die Lesben so treiben.

Deshalb machte ich mir auch schnell die Regel Vier zu eigen: Rollläden runter!

Nummer fünf war die Einsicht: es macht keinen Sinn, sich verstecken. Öffentlich zu leben und offensiv dazu stehen, war die beste Methode, eigenes Unwohlsein zu vermeiden und absurden Gerüchten Einhalt zu gebieten.

Durch sie erfuhr ich, dass es doch einige Bücher mehr gibt, als die wenigen, die ich im Frauenbuchladen gefunden hatte. Sie drückte mir den ersten Lesbenkrimi meines Lebens in die Hand. Spielte mir Musik von lesbischen Musikerinnen vor und klärte mich darüber auf, wer denn von prominenten Frauen außer Hella von Sinnen und Cornelia Scheel ebenfalls noch lesbisch war. Erzählte von Dingen wie dem Lesbenfrühling und dem Lesbenring. Gemeinsam antworteten wir auf eine aktuelle Anzeige in der Emma und lernten weitere Lesben aus der Region kennen.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine Freundschaft, die auch Tiefen, Zeiten der Sprachlosigkeit und der innerlichen Entfernung voneinander überstand. Die zu einem festen Bestandteil unseres Lebens wurde und auf die in Krisenzeiten immer Verlass war. Der weder wechselnde Beziehungen und noch das »von der neuen Partnerin der anderen nicht gerade begeistert zu sein bzw. mit dieser nichts anfangen zu können« keinen Schaden zufügen konnten. Selbst als ich Teile ihrer Person und ihres Lebens in »Oma Mathildes Pistole« verarbeitete, reagierte sie mit Humor und gewissem Stolz.

Und seitdem sie seit einigen Jahren mit ihrer Liebsten zusammen ist, stimmt endlich auch die Chemie zwischen uns und den Partnerinnen. Als Quartett haben wir viele lange Abende mit Reden verbracht, uns die neusten DVDs mit Lesbenfilmen angesehen, unser Häuschen in Stoibisch renoviert und gemeinsam um Oma und unsere Hündin getrauert.

»Ich habe morgen Spätdienst. Hast du Lust auf ein gemeinsames Frühstück?« – »Wollen wir Samstag uns mal wieder treffen?« – »Sonntagnachmittagskaffee im Garten bei dem schönen Wetter?«

Fragen, die wir uns in dieser Form in Zukunft nicht mehr werden stellen können.

Schon damals, vor vielen, vielen Jahren bei unserem ersten gemeinsamen Frühstück, hat sie mir erzählt, dass sie ursprünglich aus Norddeutschland stammt und eines Tages auch dorthin zurückgehen wird. Im Laufe der Zeit hat sie immer wieder mal davon gesprochen.

Eines Tages, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wenn es beruflich passt. Wenn ihre Partnerin einverstanden ist …

… dann …

Ja dann geht sie wieder in den Norden. Dorthin, wo die Menschen keinen merkwürdigen Dialekt sprechen und die Luft salzhaltig ist und die Wege eben und man ihr abends auf »moin, moin« nicht irritiert mit »Guten Morgen« antwortet.

Eines Tages ist jetzt.

© Nele Tabler 2008

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Kommentarlinks könnten nofollow frei sein.