Seit es das Internet gibt, passieren manchmal wirklich komische Dinge. Wenn zum Beispiel nach ungefähr vierzig Jahren plötzlich Puzzlestücke nicht mehr albtraumhaft als Einzelteile in Kopf und Seele herumschwirren, sondern genau dort hinfallen, wohin sie gehören. Und sich mit einem Schlag so manches im eigenen Leben erklären lässt, bloß weil irgendwelche unbekannte Aktivist_innen eine Seite gehackt haben.
Wäre ich aufmerksamer gewesen, hätte ich es schon seit Herbst 2010, spätestens aber seit Juni 2011 wissen können. Doch es war an mir vorbeigerauscht, weil Neonazis, Rechte, Alt-Nazis, die NPD oder unter welchen Begriffen man auch immer jene Gesinnung nun katalogisieren mag, nicht »mein« Thema sind. Aus Zeitmangel beschäftige ich mich seit ein paar Jahren mit dieser braunen Scheiße nur noch am Rande, zum Beispiel wenn gerade mal wieder etwas aktuell in den Medien hochkocht oder ich mich über Graffitis ärgere oder mir ein entsprechendes Buch empfohlen wurde.

So stieß ich erst Ende des letzten Jahres über einen kurzen Tweet in meiner Timeline auf jene NPD Spenderliste, die damals schon seit mehr als einem halben Jahr im Netz kursierte. Bereits der allererste Name kam mir bekannt vor – so bekannt, dass mir speiübel wurde und ich hektisch anfing zu googeln, weil ich es nicht glauben konnte und wollte, auf einen Irrtum hoffte, eine zufällige Namens- oder Adressengleichheit …

Doch die Suchergebnisse, die google ausspuckte, machten mir schnell klar, von einem Missverständnis konnte keine Rede sein. Jener Heilbronner Psychiater bzw. Nervenarzt, wie er sich selbst zu bezeichnen pflegt, scheint nicht aus Versehen oder gar Bösartigkeit auf die Liste geraten zu sein.
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Auch an anderen Stellen und Gelegenheiten zeigt(e) er offen und unbekümmert seine Sympathie für diese Partei. So gab es im Landtagswahlkampf 2011 eine Veranstaltung der NPD Rhein-Neckar mit ihm.
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Außerdem wird er auf diversen einschlägigen Webseiten zitiert und/oder wird dort Werbung für seine Bücher gemacht.
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Seine eigene Homepage habe ich an jenem Tag aus lauter Ekel nur flüchtig durchgescrollt und leider nicht daran gedacht, mir Screenshots zu machen. »Multikulti bedeute den Untergang der Menschheit«, stand da sinngemäß und insgesamt fiel mir zu dem Geschreibsel nur ein: »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen«.

Mittlerweile scheint die Seite vom Netz genommen zu sein, versucht man sie heute aufzurufen, erscheint nur noch folgende Meldung:
Anfang der Siebziger Jahre waren Essstörungen noch kein öffentliches Thema, allenfalls über Magersucht wurde hinter vorgehaltener Hand manchmal gesprochen, doch von Bulimie hatten die meisten Menschen noch nie etwas gehört. Ich auch nicht, was mich allerdings nicht daran hinderte, trotzdem regelmäßig den Finger in den Hals zu stecken und zu kotzen. Meine Kenntnisse über diese Art der »Gewichtskontrolle« hatte ich aus dem Lateinunterricht, dort war mir ja bereits in der fünften Klasse beigebracht worden, wie das mit dem Kotzen nach dem Essen am besten geht: Man nehme eine Feder …
Wegen meines angeblich nervösen Magens wurde ich irgendwann zum Arzt geschickt, auf den Kopf gestellt, gepiekst, geröntgt und tatsächlich fand man ein Zwölffingerdarmgeschwür. Nach damaliger Ansicht handelte es sich um einen ungewöhnlichen Befund bei einer Jugendlichen, weshalb ich schließlich – Schnelldurchlauf – ambulant hier landete:

Über das, was mir dort passierte und welche gravierenden Folgen das hatte, will ich hier nicht schreiben. Jedenfalls jetzt nicht, vielleicht werde ich irgendwann mal dazu in der Lage sein. Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder Menschen getroffen, die dort ebenfalls in Behandlung gewesen waren und mich mal in meiner Horrormeinung bestätigten, mal ganz andere (bessere) Erfahrungen gemacht zu haben schienen. Auch hier kann ich erst jetzt die eine oder andere Erzählung besser einordnen und mir so manch »spinnerte« Ansicht gewisser Patient_innen über die Welt und die angeblichen Ursachen ihrer Probleme erklären.
Ich habe keine Ahnung, inwieweit die aktuelle Klinikleitung noch mit den Ansichten ihres Gründers verbunden ist. Auffällig ist jedoch, dass auf der Spenderliste die Klinikadresse angegeben ist und ich nirgends eine deutliche Distanzierung von dem rechten Gedankengut und/oder der NPD finden konnte.




Das ist ja schon extrem. Und als Jugendliche ist man einem solchen Menschen ja noch mehr ausgeliefert als eine Erwachsene, und es ist außerdem viel schwieriger, das, was so ein Arzt tut, erstens als falsch zu erkennen, und zweitens, begründen zu können, warum es falsch ist, und dann es noch anderen zu erklären. (Ich habe ja nur Erfahrung mit schlechten Beraterinnen, über die ich heute nur noch lachen kann, aber an den Punkt musste ich auch erst kommen – aber das ist ja eine viel heftigere Geschichte.
Aber dieses Gefühl, dass sich auf einmal Puzzlestücke zusammensetzen, und man denkt: nein, es ist wirklich so, nicht ich war verrückt, sondern meine Umgebung, und die Spenderliste ist ein Beweis dafür, kann auch befreiend sein, meiner Erfahrung nach.
susannaZitieren