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Dental Dams statt Kondome

Strunzdumme Artikel, die mir am frühen Morgen schon die erste Tasse Kaffee versauen, nur weil ich wider besseres Wissen es nicht lassen kann, sie zu lesen. Wahrscheinlich werde ich es bis an mein Lebensende nicht mehr lernen, mir eine Welt als Ponyhof zusammenzuträumen. Stattdessen würde ich gern beinah jeden Tag aufs Neue am Kronleuchter schaukeln … den wir leider nicht haben, weil die Deckenhöhe in unserem alten Häuschen kaum mehr als zwei Meter beträgt. In Teppichkanten zu beißen, ist ebenfalls keine Option, aus Allergiegründen liegen bei uns nirgends Teppiche, noch nicht einmal Läufer. Mir bleibt immer wieder nur, meinen Kopf auf die Tischkante zu hauen und später hier auf dem Blog meinem Ärger Luft zu machen.

HIV und Aids, ich war Anfang zwanzig, als ich das erste Mal davon hörte. In den Medien war damals von der „Schwulenpest“ zu lesen, höchst ansteckend, unheilbar und tödlich. Absurderweise gehörte der Bhagwan, jener Guru aus Poona, der jahrelang den freien Sex gepredigt hatte, mit zu den Ersten, die die Gefährlichkeit erkannten. Seine Jünger_innen sollten von einem Tag auf den anderen enthaltsam leben und sich nur noch mit Gummihandschuhen gegenseitig berühren. Oder so ähnlich.

In meinem Umfeld galt der Bhagwan als eine Art Witzfigur, also nahmen wir auch HIV und Aids zunächst nicht ernst. Was sollte das denn für eine Krankheit sein, die „nur“ Schwule betraf, der Boulevardpresse unendlich Stoff zur Panikmache lieferte und weltweit Verschwörungstheoretiker_innen auf den Plan rief? Die Atombombenversuche in den 50ern hätten weltweit die Milch verseucht, weshalb die damaligen Kleinkinder, also meine Generation, nun anfällig für HIV und Aids seien. Das stand nicht etwa in der Bildzeitung, sondern in einem Parteiblatt der Grünen.

Zufällig gab es in meinem näheren Bekanntenkreis einen jungen Arzt, der auf einer der ersten „Aidsstationen“ an einer Uniklinik arbeitete. Es machte ihn fertig, beinah hilflos zuzusehen zu müssen, wie Männer in unseren Alter reihenweise wegstarben. Seinen Infos war zu verdanken, dass meine Freund_innen und ich uns zu einer Zeit auf HIV testen ließen, als in den Gesundheitsämtern noch die Meinung vorherrschte, außer Schwulen seien nur Menschen gefährdet, die auf den Strich gingen. Das verächtliche Benehmen des medizinischen Personals bei diesem ersten Aidstest werde ich wahrscheinlich nie vergessen. Seitdem rede ich bei allen passenden und manchmal vielleicht auch unpassenden Gelegenheiten über Safer Sex, Kondome, Dental Dams und habe bei „öffentlichen“ Auftritten, sei es nun in Sachen LSBTTIQ, lesbische Sichtbarkeit oder Regionalkrimi die Rote Schleife angesteckt.

Das Risiko für lesbische Frauen, sich beim Sex anzustecken, ist wesentlich geringer ist als bei anderen Gruppen, was leider dazu führt, dass viele sich keiner Gefahr bewusst sind. Safer Sex und Aidstests seien was für Schwule und Heteros, aber doch nichts für Lesben, ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich das schon gehört habe. In der Schweiz gibt es zurzeit eine Kampagne des Bundesamtes für Gesundheit: Love-Life, in der auch Lesben explizit angesprochen werden. Was zunächst erfreulich zu sein scheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein Schuss ins Knie:

Bitte, bei welchen sexuellen Praktiken benötigen Lesben Kondome? Okay, sie können über Dilfos gezogen werden, aber sonst? Spätestens seit Birgit Kelle wissen wir doch alle: Lesben lecken und dafür gibt es Dental Dams (Lecktücher). Die Aufforderung, Kondome für Safer Sex benutzen, erreicht bei vielen Lesben genau das Gegenteil von dem, was eigentlich beabsichtigt ist: Was geht uns das an, wir sind keine Risikogruppe.

Viele lesbische Frauen hätten auch mit Männern Sex und könnten sich so mit HIV infizieren, sagt Roger Staub vom Bundesamt für Gesundheit dazu. Deswegen sei es logisch, dass auch Lesben auf den Plakaten vertreten seien.

Wegen dieser anscheinend unausrottbaren Mär aus den Heteropornos einmal zum Mitschreiben: Lesben haben keinen Sex mit Männern!

Barbara Lanthemann, Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, ist befremdet über diese Argumentation: „Ich finde das eine komische Aussage. Nicht alle Lesben sind bisexuell. Im Gegenteil, es gibt viele homosexuelle Frauen, die keinen Sex mit Männern haben.“

Auch hier bitte Mitschreiben: Lesben sind nicht bisexuell. Und homosexuelle Frauen haben keinen Sex mit Männern.

Warum die Schweizer Lesbe da angeblich anderer Meinung ist, verstehe ich nicht. Aber wie gesagt, ich habe keinen Kronleuchter zum Schaukeln, also denke ich auch nicht weiter darüber nach. Es wäre mir wirklich zu anstrengend, das auch noch einer Lesbe zu erklären.

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