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Eine Oma ohne Haarknoddel denkt über Aids nach

Die Erste war Gabi gewesen, eine ehemalige Arbeitskollegin. Mit ihr hatte ich während der Raucherinnenpausen so wunderbar über die Zustände auf der Station fluchen können. Ab und zu zogen wir nach der Spätschicht im Auto erst mal einen Joint durch, während Janis Joplin aus den Lautsprechern dröhnte. Heute ist mir klar, von meiner Seite war es mehr als Freundschaft gewesen, ich hatte mich in sie verknallt. Damals hielt ich mich allerdings noch für eine lupenreine Hetera und verschwendete keinen Gedanken an eine mögliche Beziehung mit einer Frau.

Auch außerhalb der Arbeit verbrachten wir viel Zeit miteinander und konnten uns in den ländlichen Diskotheken bestens amüsieren. Bis wir dann eines Tages die Arbeitsstellen wechselten und nun mehrere hundert Kilometer auseinander wohnten. Anfangs hielten wir noch engen Kontakt, doch im Laufe der Zeit wurden die Anrufe und Briefe immer seltener, bis schließlich die Verbindung ganz abbrach.

Manchmal hörte ich über Dritte von ihr, es schien ihr gar nicht gut zu gehen. Es kursierten wilde Gerüchte, bis heute weiß ich nicht, was davon wahr, aufgebauscht oder reine Erfindung gewesen war. Sie sei ins Drogenmilieu abgerutscht, hieß es. Sie hinge an der Nadel und ginge auf den Strich. Zeitweise habe sie in einer Beziehung mit einem Typen gelebt, der sich schließlich als verdeckter Ermittler entpuppte.

Beinah zufällig erfuhr ich eines Tages, dass sie gestorben war. So gerne ich es anders gehabt hätte, dieses Mal handelte es sich ausnahmsweise um kein Gerücht, sondern entsprach der Wahrheit. Elendig verreckt sei das Luder, erzählte mir eine enge Verwandte von ihr bei einem zufälligen Aufeinandertreffen in der Fußgängerzone und Boshaftigkeit triefte ihr dabei aus allen Poren. Gabi habe diese komische Krankheit gehabt, diese Seuche, die ja sonst eigentlich nur bei denen vom anderen Ufer vorkäme. Aber bei dem sündhaften Lebenswandel habe die Strafe Gottes schon die Richtige getroffen, schwul hin oder her.

Nur wenige Tage später starb überraschend Markus, mit dem ich zusammen konfirmiert worden war. Er war immer gut gelaunt und lustig gewesen. Einer der wenigen Jungs aus der Konfirmandengruppe, die sich uns Mädchen gegenüber nicht nur doof und kindisch verhalten hatten.

„Sicher ist er bei einem Unfall ums Leben gekommen“, dachte ich. An was sollte ein Mensch aus meinem Jahrgang denn auch sonst gestorben sein? Merkwürdig war allerdings, dass in der Lokalzeitung keine Todesanzeige erschien und als ein Bekannter sich telefonisch bei den Eltern nach der Beerdigung erkundigen wollte, legte der Vater wortlos auf. 

Also versuchten wir es beim zuständigen Pfarrer und erfuhren, Markus sollte verbrannt und irgendwo anonym verscharrt werden. In seinem Eifer bemerkte er nicht einmal unser Entsetzen über die scheußliche Wortwahl. Ohne Hemmungen laberte er noch etwas von Infektionsgefahren und schrecklichen Aidsviren. Anscheinend fielen die zuerst über die anderen Leichen auf dem Friedhof her und sprangen danach die Friedhofsbesucher_innen an. Deshalb müssten Schwule immer verbrannt werden. Die Tirade endete mit der Feststellung, nun sei es wirklich an der Zeit, dass der Staat für diese Abartigen so etwas Ähnliches wie Leprakolonien einrichte. 

In der EMMA machte sich Franziska Becker in einem Comic über den Bhagwan lustig. Dieser hatte eine 180 Grad Kehrtwende vollzogen und verbot seinen Jünger_innen neuerdings den Austausch von Körperflüssigkeiten, ja sogar das Küssen. Außerdem verlangte er von ihnen, Kondome, Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel beim Sex zu verwenden. Angeblich war der Guru davon überzeugt gewesen, Schwule planten, mit Hilfe von Aids dreiviertel der Menschheit auszurotten – so oder so ähnlich wenigstens. Um diesen Irrsinn noch einmal genauer bei google nachzulesen, fehlt mir jede Lust. Ich fand Bhagwan und seine Bewegung sowieso noch nie prickelnd. Auch nicht, als er in meinem Umfeld eine Zeitlang ziemlich angesagt war und Bekannte urplötzlich in roten Gewändern einherschritten.

Ein befreundeter Mediziner erzählte von seiner Arbeit auf einer der Aidsstationen, die es zu jener Zeit gab. Das medizinische Personal war aus Angst vor Ansteckung teilweise gekleidet, als unternähme es gerade eine Reise zum Mond. Die vielen jungen Männer in unserem Alter, die keine Überlebenschance zu haben schienen, machten ihm schwer zu schaffen und verfolgten ihn bis in den Schlaf. Von ihm hörten wir zum ersten Mal, wie absurd der von den Medien heißgeliebte Begriff „Schwulenseuche“ eigentlich war. Und weshalb sich die Krankheit momentan bei Männern, die Männer liebten, wesentlich rasanter verbreitete als in anderen Bevölkerungsgruppen.

In einer Art Parteizeitung der Grünen, den Namen des Blatts habe ich vergessen, las ich einen Artikel über mögliche Ursachen von Aids. Heute würde dieser Text bestimmt auf einem der ersten Plätze einer Bestsellerliste der Verschwörungstheorien landen.

Da gab es den Verdacht, ein bakterieller Kampfstoff sei – wahlweise - von West oder Ost absichtlich oder vielleicht auch aus Versehen freigesetzt worden, um die Kampfkraft des jeweils anderen zu schwächen.

Eine andere Spekulation suchte die Ursache bei den Atomwaffentests in den fünfziger und sechziger Jahren. Radioaktive Wolken vom Wind um den Erdball geblasen, hätten die Muttermilch verseucht und die dadurch geschwächten Babys seien nun als Erwachsene diejenigen, die aktuell an Aids erkrankten. Nun ja, das wenigstens deckte sich mit meinem sehr subjektiven Eindruck, es erkrankten hauptsächlich Menschen meiner Generation.

Und auf gar keinen Fall zu vergessen, die Geschichte des ominösen Forschers, der im Urwald eines nicht weiter genannten Kontinents von einem Affen gebissen worden war und nach seiner Rückkehr, wohin auch immer, gezielt anfing, Schwule zu beißen. Ein Forschervampir, unterwegs im Auftrag eines Affen, darüber amüsierten wir uns wochenlang.

Für den ersten „Aidstest“ fuhr ich gemeinsam mit einer anderen alleinerziehenden Mutter zum Gesundheitsamt der nächsten „richtigen“ Großstadt. Der bereits erwähnte Mediziner hatte die Sache organisiert, trotzdem mussten wir vor der Blutentnahme erst eine inquisitorisch anmutende Befragung über uns ergehen lassen. Angeblich zu Studienzwecken, was ich allerdings schnell bezweifelte.

Warum wollte eine heterosexuelle Frau mit kleinen Kindern, die Stein und Bein schwor, sich nie prostituiert und nie gefixt zu haben, folglich auch kein Spritzbesteck geteilt haben konnte, unbedingt diesen Test machen? Wenn sie doch ihrer Erinnerung nach bisher auch noch keine Bluttransfusion erhalten hatte?

Meine Antwort, einfach nur Gewissheit über meinen Gesundheitszustand haben zu wollen, beispielsweise ginge ich ja auch regelmäßig zur Krebsvorsorge, befriedigte den Menschen des Gesundheitsamtes nicht. Er ließ nicht locker und wiederholte mehrmals in verschiedenen Formulierungen seine Fragen. Erst als ich aufstand und erklärte, den Test woanders machen zu lassen, gab er nach und nahm mir endlich Blut ab. Bei der anderen Mutter, die nach mir an der Reihe kam, verlief es ähnlich. Auch sie beantwortete die Fragen nicht zur Zufriedenheit und musste erst ziemlich pampig werden, bevor er sich an die Arbeit machte.

Ohne uns vorher abgesprochen zu haben, hatten wir beide instinktiv nicht mit der ganzen Wahrheit herausrücken wollen. Schon aus Prinzip misstrauten wir der zugesagten Geheimhaltung und befürchteten, man würde uns vielleicht das Jugendamt auf den Hals hetzen, wenn wir tatsächlich ehrlich antworteten.

Bei anderen mag alles anders verlaufen sein, in meinen Kreisen jedenfalls bedeutete, in den Siebzigern erwachsen zu werden, alles Mögliche und sogar eigentlich Unmögliche auszuprobieren. Ganz besonders Dinge, die bis dahin als unmoralisch oder verboten galten. Dafür waren schließlich unsere älteren Geschwister, die 68er, auf die Straße gegangen.

Mit Drogen hatte ich wenig am Hut. Richtig harte Sachen jagten mir Angst ein, dafür hatte einst meine Biologielehrerin gesorgt. Mein einziger LSD Trip endete mit einer brennenden grünen Kerze, die sich in ein Krokodil verwandelte und mich fressen wollte. Auf weitere Erfahrungen dieser Art verzichtete ich liebend gerne und so blieb es beim gelegentlichen Kiffen.

Etwas anderes war es mit sexuellen Erfahrungen, auch weil bei mir bezüglich Frauen der Groschen erst spät fiel. Mit einem Typen ins Bett zu steigen, den wir gerade erst in einer Kneipe kennengelernt hatten, war für mich und die Frauen in meiner Umgebung nichts Ungewöhnliches. Auch nicht, dass frau sich zwei Tage danach nur noch mühsam an den Namen erinnern konnte und den Zettel mit seiner Telefonnummer längst im Abfall entsorgt hatte.

Erst im Nachhinein, als diese Phase unseres Leben längst vorbei war, wurden jene Jahre auf einmal zum Problem. Da tauchte der Begriff Aids in den Medien immer häufiger auf. So oft, bis wir endlich begriffen, hier handelt es sich nicht um etwas, das sich notfalls mit der Einnahme von ein paar Penicilintabletten oder einer Flasche Jacutin wieder in Ordnung bringen lässt.

In Zeitungen und TV und damit automatisch in einem Großteil der Gesellschaft wurde mindestens zehn lange weitere Jahre geheuchelt und gelogen, was das Zeug hielt. Aids war und blieb die Krankheit verlotterter Randgruppen. Für die wenigen Menschen, die durch eine Bluttransfusion vom Virus erwischt worden waren, hatte man Mitleid. Klar. Aber es hielt sich in Grenzen, denn gleichzeitig waren ja die dazugehörigen Schuldigen präsentiert worden: die Schwulen, die Fixer_innen, die Nutten, die aus Geldnot zum Blutspenden gegangen waren.

Erst mit Rita Süßmuths Sturheit als zuständige Ministerin und Hella von Sinnens Schrei: "Tina, was kosten die Kondome?“, begann ein allmähliches Umdenken. Als Jahre vorher eins meiner Kinder im (katholischen) Kindergarten ihre Erzieherinnen über Kondome aufklärte, musste ich noch eine gewaltige Standpauke über mich ergehen lassen. Und als sie später gemeinsam mit den Kindern einer befreundeten Familie aus Kondomen Wasserbomben bauten und sie aus dem Fenster warfen, sorgte das, gelinde gesagt, für großes Befremden in der Nachbarschaft. Inzwischen aber sprach man sogar in Schulen über HIV und Aids und der Gebrauch von Kondomen war vielerorts in den Unterricht eingebaut worden.

Von der medizinischen Seite kamen in unregelmäßigen Abständen richtig gute Nachrichten, und ab einem gewissen Zeitpunkt war die Diagnose HIV tatsächlich nicht mehr automatisch gleichbedeutend mit Aids und damit ein Todesurteil. Ich gewöhnte mir wieder ab, mich bei jedem überraschenden Todesfall zu fragen, ob Aids die Ursache gewesen sein könnte. Menschen in meinem Alter sterben leider manchmal bei Unfällen oder an schweren Krankheiten, das war schon immer so gewesen.

Gabi, Markus und ein paar andere sind stets präsent geblieben. Ich weiß, welches Glück ich hatte, mich in den „wilden“ Jahren nicht infiziert zu haben. Dafür bin ich dankbar, trotzdem habe ich das diffuse Angstgefühl aus den ersten Aids-Jahren nie wirklich vergessen können. Um so mehr macht mich heute die mittlerweile zurückkehrende Sorglosigkeit und neue Schlamperei im Zusammenhang mit HIV wütend.

Vor ein paar Monaten entdeckten die Liebste und ich zufällig den „Bergdoktor“. Angeblich eine der erfolgreichsten Serien von ZDF und ORF, eine Alpenschmonzette allererster Güte. Vor vielen, vielen Jahren ließ ich eine meiner Heldinnen in einem Krimi darüber nachdenken, vielleicht einen Groschenroman über adlige Ärzte auf der Alm zu schreiben. Auf diese Idee sind anscheinend schon lange vor mir andere Autor_innen gekommen und konnten den Plot erfolgreich dem ZDF andrehen. Nach realen elf Staffeln und gefühlten 250 Folgen Dauergucken, fragten wir uns vor allem eins: „Gibt es in Tirol keine Kondome zu kaufen?“

Ungeplante Schwangerschaften direkt nach dem Kennenlernen bzw. sogenannte Kuckuckskinder scheinen ein Grundpfeiler dieser Serie zu sein. Nicht verhütet zu haben, bedeutet allerdings nicht nur Schwangerschaft, sondern auch das Risiko, sich bei einem beinah völlig Fremden mit HIV und/oder anderem anzustecken. Das allerdings wird von dem netten Bergdoktor höchstens mal Rande ganz kurz erwähnt.

Angesichts der gigantischen Einschaltquoten einer solchen Serie ist jedenfalls kaum verwunderlich, dass die Zahl der HIV Neuinfektionen bei Schwulen seit Jahren mehr oder weniger konstant bleibt, momentan sinken die Zahlen etwas. Das ist eine gute Nachricht, denn die Neuinfektionen steigen nicht mehr an. Und es ist gleichzeitig eine schlechte Nachricht: Trotz all der Aufklärungsarbeit der letzten (beinah) drei Jahrzehnte, infizieren sich immer noch jedes Jahr ungefähr 2000 Schwule neu mit HIV.

Die Heteros schießen allerdings den Vogel ab, vielleicht weil sie sich alle miteinander zu viel von dem Bergdoktor reingezogen haben? Bei ihnen nimmt die Zahl der Neuinfektionen von Jahr zu Jahr zu. Ganz schlaue Mediziner_innen haben auch eine Erklärung dafür gefunden: Es liegt an den Migrant_innen. Näher will ich darauf nicht eingehen, sonst schreibe ich vielleicht noch etwas, das meiner Rechtsanwältin Arbeit verschafft.

Wenn ich in den letzten Jahren für Sätze wie „Kondome sind überflüssig, weil Aids inzwischen heilbar ist.“ - „Ich weiß auch ohne Test, dass ich nicht HIV positiv bin, das spürt man doch.“ jedes Mal fünf Euro bekommen hätte, müsste ich mir um meine Rente wesentlich weniger Sorgen machen. 

Seit Jahren tauchen die Liebste und ich zumindest bei offizielleren Anlässen immer mit der roten Schleife auf und erzählen gern und ausführlich, weshalb wir das tun. Unzählige Male haben wir uns schon den Mund fusslig geredet, ganz besonders bei Jugendlichen und … Achtung … bei Lesben. Da reagiert so manche auf die Empfehlung von Dental Dams ebenso empört wie der stockheterosexuelle Familienvater, dem aus gewissen Gründen der Gebrauch von Kondomen nahe gelegt wurde.

Vor ein paar Tagen stolperte ich zufällig über eine Aktion der deutschen Aidshilfe in den sozialen Netzwerken. Unter dem Hashtag #wissenverdoppeln soll darauf aufmerksam gemacht werden, das HIV unter Therapie selbst bei ungeschütztem Sex nicht mehr ansteckend ist. Jeder medizinische Fortschritt und jede neue wissenschaftliche Erkenntnis muss natürlich unter die Leute gebracht werden, da bin ich ganz einer Meinung mit den Initiator_innen dieser Aktion.

Mich ärgerte zunächst auch nur das Bild von Oma und Opa, das in diesem Zusammenhang verbreitet wurde. Sollte ich jemals den Wunsch verspüren, mit einer solchen Frisur herumlaufen zu wollen, dürfen meine Enkel mich erschießen. Selbst Herr Siebenundachtzig, der Urgroßvater dieser Enkel, fühlt sich von der Darstellung des Opas nicht gut getroffen. Dafür kennt er nun den Begriff Ageism, schließlich ist kein Mensch je zu alt, um noch etwas dazuzulernen. 

Über die eigentliche Botschaft und deren problematische Art und Weise der Verbreitung machte ich mir erst eine Weile danach Gedanken. Wenn in den Sozialen Netzwerken aus einer positiven medizinischen Nachricht „Ab jetzt ficken wir alle ohne Kondome“ wird, läuft etwas verdammt schief. Meiner Ansicht nach. Die Deutsche Aidshilfe sieht das anscheinend anders. Oder zumindest die Person, die den Twitteraccount betreut. Seit unserem kleinen Disput vorgestern, kann ich mit dem Kopfschütteln beinah nicht mehr aufhören.

(Kein Link dazu. Bis ich bei der neuen Datenschutzverordnung wirklich den Durchblick gefunden habe, gibt es auf der Karnele keine Verlinkungen mehr. Deshalb wurden auch sämtliche Links der letzten zwanzig Jahre vorübergehend deaktiviert.)

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