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Umtausch ohne Kassenbon ausgeschlossen?

Heute früh sprach im ZDF Morgenmagazin Lisa Görgen von „Save the Children“ mit Dunja Hayali über die Situation der Kinder in Gaza. „Solche Erlebnisse prägen jeden Menschen, aber Kinder prägen die fürs Leben“, sagte sie und ergänzte: „Wir dürfen nicht wieder wegsehen“.

Unsere Alters-, Senioren und Pflegeheime sind voll mit Menschen, die den 2. Weltkrieg als Kinder erlebt und erlitten haben. Bomben, Minen, Bunker, Flucht und Tote waren für sie so normal gewesen wie heute Lego, Barbie und Playmobil. Jede_r Altenpfleger_in könnte wahrscheinlich aus dem Stegreif stundenlang Vorträge über die Spätfolgen einer solchen Kindheit halten und von den seelischen Trümmern meiner Generation, von uns Kindern der Kriegskinder, will ich hier erst gar nicht anfangen. Dennoch taten die beiden Frauen so, als sei dieses Thema in Deutschland unbekannt und fremd, als hätten die Zuschauer_innen keine Ahnung davon.

Aber nicht nur diese Ignoranz ärgerte mich, sondern auch, wie schwer es ihnen fiel, die israelischen Kinder in diesem Zusammenhang ebenfalls zu erwähnen. Es erinnerte mich fatal an eine Diskussion, die ich vor vielen Jahren einmal im Radio hörte. Da war ernsthaft darüber gestritten worden, für welche Kinder der 2. Weltkrieg schlimmer gewesen sei. Für diejenigen, die in den Groß- und Industriestädten Nacht für Nacht Bombenangriffen ausgesetzt waren oder diejenigen, die auf den Flüchtlingstrecks aus dem Osten zusehen mussten, wie ihre Geschwister verhungerten, erfroren, ertranken. Von solchen wie zum Beispiel meinem Vater, der in einem schlesischen Kohlegebiet erst die Bombennächste mitmachte und dann die Flucht erlebte, war überhaupt nicht die Rede gewesen. Ebenso wenig wie von den französischen, russischen, polnischen, norwegischen … … … Kindern.

„Die Verbrechen der israelischen Armee anzuprangen, ist kein Antisemitismus“, las ich etwas später am Morgen auf Twitter. Stimmt, das sehe ich auch so. Doch dann sah ich mir an, was von diesem Account in den letzten Tagen noch so alles getweetet worden und stellte fest, es ging nur um das „böse“ Israel und das Leid in Gaza. Und so gesehen ist „Die Verbrechen der israelischen Armee anzuprangen“, dann eben doch reiner Antisemitismus. In Österreich musste ein Fußballspiel abgebrochen werden, weil das Spielfeld gestürmt und israelische Spieler angegriffen worden waren. Ein CDU Stadtrat aus Niedersachsen schrieb auf facebook „Juden sind Scheiße.“

Schon am Tag vorher hatte ich Twitterer_innen entfolgt, geblockt oder gemutet, die (vielleicht? vermutlich?) ohne weiteres Nachdenken antisemitische Tweets in meine Timeline retweetet hatten. Heute früh ereilte dieses Schicksal weitere Accounts, besonders unangenehm fiel mir dabei @wirsindgrün auf. Nicht als antisemitisch, sondern als unglaublich einseitig. Und der Kommentar von Sabine Rau in den tagesthemen über die Ausschreitungen bei einigen Demos bereitet mir auch noch zwei Tage danach fürchterliche Magenschmerzen.

Ich habe keine wirkliche Meinung zum Krieg in Nahost und schon gar nicht maße ich mir ein Urteil darüber an, welche Seite letztendlich mehr im Recht und welche mehr im Unrecht ist. Mir tun alle Menschen in dieser Region leid, der Konflikt scheint mir beinah unlösbar zu sein. Doch nichts was dort passiert, sei es noch so tragisch, rechtfertigt auch nur ansatzweise antisemitische Ausfälle und Angriffe bei uns hier. Wenn in Deutschland auf einer Demo zur Unterstützung von Gaza „ Jude, Jude, feiges Schwein“ gerufen wird, denke ich nicht an die Kinder voller Angst in Gaza, sondern an die Kinderschuhe in einer Glasvitrine im Konzentrationslager Bergen-Belsen, an Anne Frank, Edith Devries und viele andere.

In einer Sache sind sich die Hardliner in Israel und Gaza ja einig: kein Existenzrecht für LGBT. Ginge es allein nach ihnen, könnten Menschen wie die Liebste und ich und unser LSBTTIQ Umfeld dort weder diesseits noch jenseits der Grenzen unbehelligt leben. Und wenn ich an lesbische Bekannte aus Tel Aviv und deren Umfeld, die dortige Community denke, werde ich dann doch parteiisch. Ihre sexuelle Identität können sie ähnlich frei oder ähnlich diskriminiert – je nachdem, ob man eher dazu neigt, das Glas als halb voll oder halb leer zu bezeichnen – wie wir hier leben. Trotz aller Empörung und des Widerstands religiöser Fundamentalist_innen haben sie im Staat Israel Rechte und werden durch Antidiskriminierungsgesetze geschützt. In Gaza hingegen müssten wir nicht nur wegen der israelischen Bombenangriffe um unser Leben fürchten, sondern auch wegen unserer sexuellen Identität.

Geht mir auch so, aber leider kann ich den Kassenbon nicht finden.