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Aaaleeeeelaaschabbellsäntlügg

Alleen sind groß und breit, am Rand von Bäumen begrenzt und (meist) nach berühmten Persönlichkeiten benannt. Wenigstens laut Definition des Lexikons.

Die Kleinkleckersdorfer Allee erfüllt nicht so ganz diese Kriterien. Sie ist nur fünfzig Meter lang und drei Meter breit. Vielleicht auch hundert Meter lang und zehn Meter breit, ich kann Entfernungen schlecht schätzen. Am Rande stehen rechts und links einige Kastanienbäume, wenigstens hier findet der Begriff seine Rechtfertigung. Dahinter auf der einen Seite Häuser, auf der anderen fließt ein kleiner Bach.

Benannt wurde die Allee nicht nach einer großen Persönlichkeit. Sie heißt Aaaleeeeelaaschabbellsäntlügg. So sagte man mir wenigstens, als ich mich einst nach einer bestimmten Adresse erkundigte. Herr X wohne in der Aaaleeeeelaaschabbellsäntlügg, war die irritierende Antwort. Es dauerte eine Weile, bis ich herausgefunden hatte, dass die Allee den Namen der französischen Partnerstadt von Kleinkleckersdorf trägt. So etwas kommt halt dabei heraus, wenn im Rahmen der Völkerfreundschaft der fremdsprachenunkundigen Bevölkerung exotische Straßennamen aufgezwungen werden.

Nun wäre diese Allee trotz des unaussprechlichen Namens mehr als uninteressant und nur Hunden zum Beinchenheben nützlich, wenn es dort nicht die Postagentur geben würde. Diese Tatsache verursacht mehrmals täglich einen Verkehrs(rück)stau in Kleinkleckersdorf und kann gelegentlich bis zum Ortseingang alles lahmlegen. Auch wenn er meines Wissens es bisher noch nicht in die Verkehrsnachrichten geschafft hat, ein Stau ist ein Stau, und hier ebenso nervend wie am Kamener Kreuz. Gerade einmal zwei Autos passen in dieser Allee nebeneinander, und das auch nur, wenn sie nicht allzu groß sind und die FahrerInnen guten Willen zeigen. Tun sie das nicht, wehe, wehe …

Wir brauchten Briefmarken und hielten auf dem Rückweg vom Einkaufen an der Postagentur. Die Liebste ging hinein, während ich im Auto sitzen blieb und mir eine Zigarette drehte. Vor mir ein parkendes Auto, hinter mir drei parkende Autos und direkt neben mir ein frisch eingetroffenes Auto.
»Post nennt sich das«, schimpfte der Fahrer lauthals, ein dicker Kleiner im besten Mannesalter. »Und dann kein Briefkasten vor der Tür!«

Den großen gelben Briefkasten zwanzig Meter weiter vor der alten Postfiliale mit viel freier Parkfläche daneben hatte er anscheinend übersehen. Energisch befahl er seiner Gattin sitzen zu bleiben und verschwand im Geschäft. Dass er die freie Spur und somit den ganzen Verkehr blockierte, schien ihn nicht zu bekümmern. Aus der entgegengesetzten Richtung näherte sich ein weiteres Auto. Erst mit Schwung, dann im Schneckentempo, bis die Fahrerin Stoßstange an Stoßstange zum Stehen kam. Wild gestikulierend forderte sie die Gattin durch die Windschutzscheibe auf, sich von ihrem Beifahrersitz erheben, das Steuer zu ergreifen und den Weg zu räumen.

Die Gattin reagierte nicht. Vielleicht war ihr ja verboten, das Steuer des Familienautos anzurühren. Vielleicht hatte sie auch keinen Führerschein oder der Gatte hatte den Autoschlüssel mitgenommen. Aber selbst wenn sie gedurft, gewollt und gekonnt hätte, es wäre nicht mehr gegangen. Denn hinter ihr standen bereits zwei weitere Autos und ein Drittes bog gerade in die Allee ein.

Der Schwarze Peter lag eindeutig bei der gestikulierenden Dame. Sie hätte zwei Meter zurücksetzen und in einen kleinen Seitenweg einbiegen können. So sah das wohl auch der Blockierer, als er zurückkam. Seelenruhig stieg er in sein Auto ein und wartete. Seine Gegnerin wartete ebenfalls. Dann zückte sie einen Block und begann (vermutlich) die Autonummer(n) zu notieren.

Die Gattin stieg aus und hielt sich an der Autotür fest. »Jetzt fahren Sie doch weg!« rief sie laut.
Einer der Autofahrer aus der Schlange begann zu hupen. Nun bequemte sich auch der Blockierer wieder aus seinem Auto und brüllte: »Was soll denn das?«

»Nun fahren Sie schon!« Die Gattin wackelte mit ihrem dauergewellten Kopf und quietschte die immer helleren Tönen. »Fahren Sie!«

Die Gegnerin legte anscheinend gleichmütig den Block auf die Ablage über dem Steuer und tippte sich an die Stirn. Das ließ der Gatte sich nun nicht mehr gefallen. Angespornt von dem wilden Gehupe hinter sich, stapfte er breitbeinig auf das andere Auto zu, während seine Frau ihn anflehte, vorsichtig zu sein.

High Afternoon in der Aaaleeeeelaaschabbellsäntlügg.

Auch die widerspenstige Gegnerin nahm wahr, dass es ernst wurde. Sie ließ den Motor an und fuhr ein kleines Stück zurück. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Blockierer ihre Autotür aufreißen konnte. Er folgte ihr und stellte sich vor ihre Motorhaube. Sie gab Gas, um die Kurve zu kratzen – im wahrsten Sinn des Wortes, um in den Seitenweg einzubiegen. Dass sie ihn dabei anfuhr, wessen Schuld war das nun? Er brüllte wie am Spieß und hielt sich sein Bein fest. Die Gattin kreischte aus dem Hintergrund: »Das gibt eine Anzeige!! Sie wollte meinen Mann überfahren!«

Der Huper zwei Autos dahinter veranstaltete mittlerweile ein Dauerkonzert. Irgendwo jaulte ein Hund und ein paar Jugendliche betrachteten aus einiger Entfernung laut lachend das Spektakel. Mittlerweile war die Straße frei, die Gegnerin stand im Seitenweg und wartete. Der Blockierer humpelte wieder zu seinem Auto. »Sie sind alle meine Zeugen«, schrie er und zeigte mit dem Arm einmal rundum. »Ich bin schwer verletzt!«

»Du ahnst nicht, was da drin los war«, stöhnte die Liebste, als sie ins Auto stieg. Nun besser als bei mir draußen kann es nicht gewesen sein. Es gibt Tage, da danke ich unserer Göttin auf Knien, weil es in unserem Staat doch recht schwierig ist, an Schusswaffen zu kommen.

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