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Kontaktlinse trifft Gehirn

»Ephraim, findest du mich eigentlich schön?« So beginnt eine Geschichte von Kishon über die beste Ehefrau von allen. Göttin sei Dank, ich bin lesbisch und habe keinen Ehemann, den ich so etwas fragen müsste.


Ich habe die beste Liebste aller Liebsten und die findet mich immer schön. Trotzdem frage ich sie: »Liebste, findest du mich eigentlich schön?«

Sie wittert eine Falle - schließlich kennt sie mich ja lange genug, sieht mich misstrauisch an und lässt sich Zeit mit der Antwort. Nach einer Weile kommt aber doch ein entschiedenes »Ja!«

Pech für sie, falsche Antwort. »So, du findest mich schön mit dieser schrecklichen Brille auf der Nase, den grauen Haaren und dem Pickel auf dem Kinn? Leidest du eigentlich an Geschmacksverirrung?«

Neuer Tag, neue Gelegenheit. »Liebste, findest du mich eigentlich schön?« Klug geworden, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: »Nein!«

Wieder die falsche Antwort. Ich bin gekränkt. »Warum bist du eigentlich mit mir zusammen, wenn du mich so hässlich findest?«

Am dritten Tag hat sie es endlich kapiert. »Liebste, findest du mich eigentlich schön?« Sie gibt das richtige Stichwort. »Warum?«

»Weil ich gern diese schreckliche Brille gegen Kontaktlinsen eintauschen möchte.«

»Warum?«

Dieses Warum war noch eigentlich schon wieder fehl am Platz. Die richtige Antwort hätte lauten müssen: »Eine prima Idee!«

Aber ich bin nachsichtig, schließlich will ich den Erwerb der Kontaktlinsen nicht ewig hinausschieben und erkläre ihr, der Unwissenden, aber gut Sehenden, die Vorzüge von Kontaktlinsen und die Nachteile einer Brille.

Sie ist mit allem einverstanden. »Wenn du dich dann besser fühlst«, meint sie und lehnt schon mal vorsorglich jede Mitverantwortung für etwaige Komplikationen ab. »Mir gefällst du auch mit Brille.«

Auch für Landlesben ist der Erwerb von Kontaktlinsen heutzutage eine einfache Sache. Keine Urlaubstage müssen mehr für Reisen in die große Stadt geopfert werden. Aus einem bunten Katalog ausgesucht, telefonisch beim Versandhandel bestellt, trudeln sie fast von allein ins Haus.

»Darf ich Ihnen auch noch unser besonderes Angebot empfehlen?« flötet die Verkäuferin am anderen Ende der Leitung. Und bevor ich noch nein gesagt habe, empfiehlt sie mir zusätzlich die kleine Waschmaschine für die empfindlichen Linsen.

»Nur nicht knausern«, sagte einst schon der Michel aus Lönneberga, und so ordere ich außer sechs Monatslinsen für das rechte Auge und sechs Monatslinsen für das linke Auge, einem Aufbewahrungsbehälter, diversen Pflegemitteln und einem kleinen Sauger auch noch die Waschmaschine für 9,95 DM.

Drei Tage später bringt der Paketbote morgens das Päckchen. Zunächst einmal studieren die Liebste und ich gemeinsam die diversen Zettel, Verpackungsaufschriften und Anleitungen. Gegen Mittag sind wir endlich so weit, dass die Operation »Linsen« beginnen kann. So gründlich wie eine Chirurgin im Fernsehen schrubbe ich meine Hände, derweil die Liebste den Schminkspiegel auf den Esstisch stellt und den Inhalt des Päckchens drum herum drapiert.

Vorsichtig öffne ich das kleine Plastikding, wo in einer Flüssigkeit eine Linse schwimmen soll. Soll, denn sehen kann ich sie nicht. Unter Zuhilfenahme der Lupe wird sie schließlich von der Liebsten entdeckt. Ich fische sie heraus und lege sie vorschriftsmäßig mit der Wölbung nach unten auf die Spitze meines Zeigerfingers.

Und nun? Nun sollte ich sie eigentlich zur Pupille balancieren, doch da ist ja noch das Brillenglas im Weg. Ich will mich so wenig wie nur möglich bewegen, deshalb nimmt die Liebste mir die Brille ab. Bloß jetzt sehe ich nichts mehr. Oder besser, fast nicht mehr. Ich erkenne zwar meinen Zeigefinger, aber keine Linse ...

Auf gut Glück führe ich den Zeigefinger Richtung Auge. Kurz vor dem Auge angekommen kann ich dann endlich auch die Linse erkennen. Sie sieht furchterregend aus und macht mir Angst. Ich fühle mich wie auf dem Zahnarztstuhl. Nur dort schließe ich immer die Augen, wenn der Bohrer meinem Mund gefährlich nahe kommt.

Die Liebste feuert mich an: »Ja, weiter.« Ich nehme all meinen Mut zusammen und stoße sanft mit dem Zeigefinger in mein Auge. Ich blinzle, starre in den Schminkspiegel. Komisch, aber ich sehe immer noch nicht besser. Die Liebste inspiziert mein Auge und entfernt dann die Linse von meinen Wimpern. Zweiter Versuch, dritter Versuch ...

Eine Stunde später stehe ich im Badezimmer vor dem Spiegel über dem Waschbecken und finde mich schön. Na ja, die Augäpfel sind rot gefärbt, Tränen stehen in den Augen und die Nase läuft ununterbrochen. Aber ich bin schön!

Gegen Abend hat sich meine Nase farbmassig meinen Augäpfeln angepasst. Ich schrubbe wieder meine Hände und mache mich neugierig beobachtet von meiner Liebsten, Oma und Hund daran, die Linsen wieder herauszunehmen.

Ganz nach Anleitung schiebe ich die Linse Richtung Augenwinkel. Ich sehe nichts mehr, aber wo ist die Linse? Bestimmt wandert sie langsam durch meinen Kopf und setzt sich in meinem Gehirn fest. Dort wird sie sich zu einem Tumor entwickeln. Als die Liebste mir zu Hilfe kommen will, verliere ich die Nerven und fange an zu schreien. Oma klemmt ihren Krückstock unter den Arm und rennt in ihr Zimmer, dicht gefolgt vom Hund, während die Liebste im Telefonbuch nach der Nummer des ärztlichen Notdienstes sucht.