Lesbische Autorin hat lesbische Freundin

Kolumnen im Internet zu veröffentlichen, hat gelegentlich ungeahnte Nebenwirkungen. Wenige Tage, nachdem der Kleinkleckersdorfer Erbfolgekrieg auf der Seite erschienen war, begann bei uns das Telefon zu klingeln. Geheimnisvolle Menschen wollten geheimnisvolle Dinge von uns. So verlangte eine, meinen Mann zu sprechen. Eine andere behauptete, wir hätten um ihren Rückruf gebeten. Eine Woche lang ging das so.

»Wer weiß, was die Telekom mal wieder für Leitungen zusammenstöpselt«, vermutete eine Freundin und erzählte uns von ihrer neusten Erfahrung mit den Telekomikern. In der zweiten Woche machten die Anrufer_innen sich nicht mehr die Mühe, sich zu melden. Sie schnauften kurz und legten wieder auf, wenn wir den Hörer abnahmen.

Geheimnisvolle Anrufe zu bekommen, ist eine spannende Sache. Besonders, wenn frau wie wir eine Telefonnummer hat, die weder im Telefonbuch steht noch über die Auskunft zu erfragen ist. Ganz besonders, wenn frau einen ISDN Anschluss mit drei verschiedenen Nummern hat und auf dem Display sieht, für welche Nummer der Anruf bestimmt ist.

Wer uns anruft, hat eine der Nummern einmal bekommen und müsste uns bekannt sein. Wir vergeben diese Nummern nicht leichtfertig. Und wir teilen sie auf. Bekannte und Verwandte wählen andere Zahlen als die Versicherung oder die Krankenkasse. Nun, die geheimnisvollen Anrufe kamen samt und sonders über die private Leitung.

Zwischendurch kam allerdings ein weiterer Anruf über diese Leitung, obwohl der Anrufer die Nummer sicher nie erhalten hat. Infratest/Dimap macht es sich sehr bequem und benutzt bei den Umfragen einfach einen Automaten, der so lange Zahlenkombinationen wählt, bis irgendwo ein Telefon klingelt. Wenigstens erklärte mir das die Dame am anderen Ende auf die Frage, woher sie denn die Nummer habe.

»Könnte ich bitte die älteste wahlberechtigte Person in Ihrem Haushalt sprechen?« bat sie dann.

»Aber gerne«, flötete ich und holte Oma ans Telefon.

»Ich versteh’ nix«, brüllte diese in den Hörer und: »Berta, bist du’s??«

In der dritten Woche hörten die Anrufe wieder auf. Im Gästebuch der Karnele boten zwei Lesben ihre Hilfe an, falls die Liebste ihre Verwandtschaft zu verprügeln wünscht. Ein(e) Damar stellte humorvoll die Frage, ob denn nicht auch klein a-d etwas Schuld an dem Kuddelmuddel tragen. Eine berechtigte Frage, nur leider nicht in zwei Sätzen für die Öffentlichkeit zugänglich zu beantworten. Wie meist bei solchen Geschichten gibt es auch hier eine Vergangenheit mit Trauer, Wut, Hass und Verzweiflung.

In einem weiteren Eintrag klärte mich Damar dann endlich darüber auf, worum es in dem Spanischen Erbfolgekrieg eigentlich ging. Sie stellte fest, dass ich in der Schule doch besser hätte aufpassen sollen. Womit sie vollkommen recht hat, das trifft nicht nur auf das Fach Geschichte zu.

Daraufhin fühlte sich ein gewisser James gemüßigt, in einen Exkurs spanischer und französischer Geschichte einzusteigen. Sozusagen spanische Inquisition gegen Französische Revolution. Was war grausamer, wo gab es mehr Tote? Ich erkannte ihn anhand seiner IP Nummer und bat ihn telefonisch, diesen Disput zu beenden.

Melusine protestierte im Namen der Tierwelt gegen einen tierischen Vergleich, den ich gezogen hatte. Okay, Melusine, solche Vergleiche sollte frau wirklich nicht anstellen. Und schließlich tauchte Napoleon aus Elba auf.

Dem armen Schreiber muss es wirklich sehr schlecht gehen, wenn er sich mit Napoleon auf Elba identifiziert: Migräne, Magengeschwüre, Arsenvergiftung, Hämorriden, Impotenz und eine schreckliche Zukunft auf St. Helena vor Augen. Kein Wunder, dass es ihm schwerfällt, gewisse Dinge zu begreifen. »Was ich denn mit dieser Geschichte zu tun habe?« wollte er von mir wissen.

Oh, mein Lieber, einmal abgesehen davon, dass es hier um meine Frau geht … Wenn eine Kolumnistin, eine Autorin nur über Dinge schreiben würde, die sie persönlich etwas angehen, gäbe es wohl bald nichts mehr zu lesen. Den Rest könnt Ihr im Gästebuch nachlesen.

Nachlesen ist auch etwas, was er vorher nicht getan hat. Sonst hätte er gewusst, dass seine IP und Hostnummer gespeichert werden. Als er das begriff, reagierte er empört. Noch empörter war er, dass ich keine Lust hatte, mich weiter mit ihm zu beschäftigen und seinen zweiten Eintrag einfach löschte. Wie auch seinen Nächsten.

Ich verletzte die Datenschutzbestimmungen, schrieb er aufgeregt, und wollte verhindern, dass Dritte die Wahrheit über mich erführen …??? …

»So ist das eben, wenn Testosteron das Gehirn lenkt«, amüsierte sich eine Bekannte. »Manche können es auf den Tod nicht ausstehen, wenn sie ignoriert werden.«

Ach ja, schon bei den alten Römern landeten anonyme Briefe im Papierkorb. Und was früher der anonyme Brief war, sind heutzutage Gästebucheinträge a la Napoleon von Elba. Sollte sich eine für die psychologische Seite anonymer Briefe interessieren, der empfehle ich die »Schattenhand« von Agatha Christie.

Den vierten Eintrag konnte er dann nicht mehr ins Gästebuch stellen, weil ich es nach Rücksprache mit der Liebsten auf Moderation, sprich Freischaltung, umstellte. Doch er kapierte es nicht und startete einen fünften Versuch. Da wollte er dann den überwiegend lesbischen Besucherinnen der Seite einer lesbischen Autorin ein Geheimnis verraten: Ich hätte eine lesbische Freundin, schrieb er dem »Publikum« und bezichtigte mich erneut der Erbschleicherei.

Jetzt fühlt sich die Liebste beleidigt. Sie ist nicht meine Freundin, sie ist meine Frau!

© Nele Tabler 2004

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