Munition für die Frauenversteher

»Ich habe es ja gewusst, Ihr seid gar nicht lesbisch, Ihr tut nur so!«

Nicht die erste Mail dieser Art, ich kenne die Absender. Nicht persönlich, aber als Spezies. Männer meiner Generation. Frauenversteher, Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger politisch irgendwo im links-alternativen Milieu angesiedelt, mit großem Verständnis für Frauen, die Frauen lieben. Bei all den männlichen Idioten, die keine Ahnung hatten, wo sich die Klitoris befindet, war dieser Seitenwechsel schließlich kein Wunder. Aber sie selbst hatten ihre Hausaufgaben gemacht, sie hatten Alice Schwarzer gelesen, sie wussten Bescheid. Wenn frau sie doch nur mal ranlassen würde, dann wäre dieses Lesbending ganz schnell wieder erledigt.

Nicht Neues also, trotzdem war ich heute früh etwas überrascht, als ich gleich zwei solcher Nachrichten im Postfach vorfand. Des Rätsels Lösung fand ich erst ein paar Stunden später bei SpOn: »Feminismus-Talk bei Maischberger – Aufstand der Power-Töchter«.

Erst vor Kurzem berichtete die l-mag: »Alice Schwarzer: Coming-out mit 68!« In meinem lesbischen Umfeld wurde diese Nachricht leicht spöttisch kommentiert: »Tatsächlich? Das hätten wir ja nie gedacht.«

Natürlich waren wir ein bisschen verwundert und haben uns gefragt, weshalb sie jetzt ihr jahrzehntelanges konsequentes Schweigen zu ihrer sexuellen Identität aufgeben hat? Ob es etwas mit der Zwangsoutinggeschichte im letzten November zu tun hatte? Aber warum auch immer, nun durfte laut gesagt werden, was in Lesben- und anderen Kreisen eh schon lange bekannt war: Alice Schwarzer ist lesbisch.

Oder vielleicht doch nicht?

Aber am Ende, hakte Maischberger nach, doch lesbisch? Nein, das dann auch nicht.

[…]

Könne sie sich denn heute noch eine Beziehung zu einem Mann vorstellen? Das ließ die Schwarzer wiederum offen – nur das sagte sie: “Ich bin weder das noch das.” Und man spürte für einen Moment die böse Kraft des bösen L-Worts: Bloß nicht das eigene Begehren im Privatesten mit dem landläufig als Schreckenswort verstandenen “lesbisch” identifiziert wissen.

Was denn nun? Was soll denn das? Erst das Coming Out, dann zurückrudern … Mir ist so was von egal, ob sie lesbisch, bi oder hetero ist, aber ich wünschte mir, sie hätte ihren Mund gehalten und aus ihren sexuellen Präferenzen einfach weiter ein Geheimnis gemacht.

4 thoughts on “Munition für die Frauenversteher

  1. Interessiert das irgendeine Lesbe, Bise, Ase, Transe oder Hete, ob die Schwarzer dieses oder jenes ist? Macht sie das zu einer Identifikationsfigur? Kaum. Werden ihre Bücher jetzt von marodierenden Lesben aus den Frauenbuchläden gerissen? Nö. Warum also dieses Selbstouting? Vielleicht ist es eben ein nebensächlicher Teil ihrer Biografie wie ihr Bruno auch oder nur der Versuch der dummen Fragerei auszuweichen.

    Schlimmer ist der Unsinn, den sie gestern als angeblich einzige Kopftuchspezialistin, Muslimakennerin und als Förderin der Klitorisentdeckung ablies. Schlimmer diese alberne Talkshow, in der ein älterer Ehe-Macho Raum einnehmen durfte und sich dann mehrere Frauen aufklärerisch um ihn kümmerten. Schlimmer dass Frau Schwarzer glatt meinte, anderen Frauen vorschreiben zu müssen, wann sie sich denn wie anziehen dürfen. Ein Konservatismus, der ziemlich schlecht zur feministischen Forderung steht, dass darauf hin gearbeitet wird, dass Alle die Freiheit haben sich darzustellen wie sie wollen.
    Feminismus-Talk? Ich muss lachen, das war harmloses Geplänkel um einen Mann herum garniert.
    Schwarzers feministischer Lack ist längst ab, ihr Denkmal bröckelt und sie merkt es nicht. Und historisch zurück sehende Redaktionen (liegt das an der Zielgruppe der ÖR?) laden sie immer noch als die Vertreterin der deutschen Frauenbewegung, als Fachfrau für Frauenrechte ein, wohl weil sie so harmlos und mittlerweile Mainstream ist.

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  2. Die Frage nach eigenen verinnerlichten Homophobie wäre vielleicht spannender gewesen, als die Frage, was Frau Schwarzer nun sei. Zumal mir dies auch gesellschaftlich relevanter erscheint, aber dies ist wahrscheinlich auch die Hürde ;-)

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  3. Und historisch zurück sehende Redaktionen (liegt das an der Zielgruppe der ÖR?) laden sie immer noch als die Vertreterin der deutschen Frauenbewegung, als Fachfrau für Frauenrechte ein, wohl weil sie so harmlos und mittlerweile Mainstream ist.

    In den großen Talkshows auf ARD und ZDF sitzen so oder so immer dieselben Nasen. Jörges, Schwarzer, Grupp, Baring, Precht… Die sind bekannt, die bringen bekannte Einschaltquoten, und die Redaktion muss sich nicht aufwändig vorbereiten, weil man ja schon ungefähr weiß, was sie sagen werden.

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  4. cassiop:
    Die Frage nach eigenen verinnerlichten Homophobie wäre vielleicht spannender gewesen, als die Frage, was Frau Schwarzer nun sei. Zumal mir dies auch gesellschaftlich relevanter erscheint, (…)

    Wessen verinnerlichte Homophobie meinst du? Schwarzers? Oder allgemein gesellschaftlich? Oder meinst du Lesbophobie?

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