Stoibisch in Hinnedausch, Teil 3

Nach fünf Tagen in Stoibisch in Hinnedausch dämmerte mir, dass der Vergleich mit Sibirien gar nicht so weit hergeholt gewesen war. Kein Handyempfang, kein Internet und das Telefon nur eingeschränkt funktionstüchtig. Die Satellitenschüssel auf dem Dach sendete konsequent ein blaues Bild, das Auto fuhr in aller Frühe mit der Liebsten zur Arbeit und meinen Lieblingssender im Radio gab es nur mit Störgeräuschen.

Der heiße Juli hatte sich in einen kalten August verwandelt. Es regnete ununterbrochen, und die Tage waren so grau wie sonst im November. Im Haus stolperte ich über Kisten und Kartons und außer Haus marschierte ich durch Matsch.
Die Gespräche zwischen der Liebsten und mir beschränkten sich auf wenige Sätze: »In welchem Karton ist …?« – »Keine Ahnung!«

»In welchem Zimmer steht der Karton …?« – »Weiß ich nicht!«

Wir aßen Salat mit Kuchengabeln aus Teetassen, leuchteten uns nachts mit der Taschenlampe den Weg zu Bad und wunderten uns über Geräusche, die wir nicht hörten. Es war still. So still, dass es uns gelegentlich fast unheimlich wurde. Einzig die Kühe im Stall nebenan gaben ab und zu ein »Muuuuh« von sich.

Als ein Federtier – die Liebste meinte, es handele sich um eine Brieftaube, ich tippte eher auf eine Art Huhn – plötzlich auf unserem Sofa saß, gerieten wir noch ein wenig in Panik und auch die Hündin bellte wie verrückt. Die Maus, die einen Tag später durch unser Schlafzimmer lief, nahmen wir schon gelassener und stellten Mausefallen auf. Den Frosch in der Waschküche fanden wir nur noch komisch und auch an die Igel, die sich Abend für Abend hinter dem Haus ein Stelldichein gaben, gewöhnten wir uns schnell.

Michel frißt vor dem Fenster der SpeisekammerDen Kater, der uns als Hausbesetzerinnen betrachtete, versuchten wir erst zu verjagen. Dann probierten wir es mit Ignorieren und zwei Wochen später sahen wir ein, dass seine Nerven stärker als unsere waren. Wir nannten ihn Michel, ließen ihn impfen und entwurmen, drohten mit Kastration und schmückten seinen Hals mit einem Flohhalsband.

Im September schien die Sonne wieder, dabei hatten wir uns endlich den Verhältnissen angepasst und Gummistiefel gekauft. Die meisten der Kartons waren ausgepackt. Das Telefon funktionierte, wie es sollte, die DSL Leitung stand und statt eines blauen Bildschirms konnten wir nun über dreißig Fernsehprogramme empfangen. Wir hatten eine Apotheke und einen Arzt gefunden, unsere Hündin bei der Tierärztin vorgestellt, kannten den Weg zur Postagentur und die Abfuhrzeiten der Müllabfuhr.

Von Sibirien war keine Rede mehr. Erstaunt registrierten wir, dass unsere Zeitung tatsächlich jeden Morgen da war und nicht geklaut wurde. Wir fielen der Briefträgerin beinah vor Dankbarkeit um den Hals, weil sie unsere Post tatsächlich in den Briefkasten steckte und nicht einfach irgendwo hin warf. So viel Luxus waren wir einfach nicht gewöhnt. Als dann auch noch ein Mitarbeiter der Gemeinde klingelte und uns auf eine bevorstehende Wassersperrung wegen eines Rohrbruchs hinwies, schwebten wir auf Wolken. Was für ein Service!

Erst als wir uns bei der Gemeinde anmeldeten, fühlten wir uns in alte Zeiten zurückversetzt.

»Guten Tag, wir sind neu zugezogen und wollen uns anmelden. Und unseren Hund. Und unser Gewerbe ummelden«, sagten wir.

»Sind Sie Geschwister?« fragte die Dame hinter dem Schreibtisch.

»Nein, wir sind verpartnert.«

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Die Dame sah der Liebsten ins Gesicht, musterte dann mich und fragte die Liebste: »Ist das Ihre Tochter?«

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Ich muss gestehen, ich fühlte mich geschmeichelt. Wie jung musste ich aussehen, wenn ich als die Tochter der sechs Jahre jüngeren (!) Liebsten bezeichnet wurde. Die Liebste allerdings guckte leicht säuerlich. Sie war zwar etwas übermüdet, aber so alt sah sie nun wirklich nicht aus.

»Nein, wir sind verpartnert,« sagte die Liebste wieder und legte der Dame ihren Personalausweis vor. Name, Vorname, Geburtsdatum … alles klar.

»Familienstand?«

»V-e-r-p-a-r-t-n-e-r-t! Nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz.«

»Also verheiratet?«

»Nein, verpartnert.«

»Geschieden?«

»NEIN!«

»Dann also alleinstehend?«

»V-e-r-p-a-r-t-n-e-r-t! Nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz.«

Die Dame wurde energisch. »Das gibt es nicht! Ich habe hier: Alleinstehend, verheiratet, geschieden, verwitwet! Also was nun?«

»Verpartnert!« Die Liebste legte unsere Verpartnerungsurkunde vor. »Hier steht es.«

Nun mischte sich der Kollege der Dame ein. »Guck mal unter K12, da findest du es!«

»Ach«, staunte die Dame. »Tatsächlich. Verpartnert hat die Abkürzung LP.«

Sie gab die restlichen Daten ein, druckte ein Formular aus und ließ die Liebste unterschreiben. Danach kam ich an die Reihe. Dachte ich wenigsten und reichte meinen Personalausweis über den Schreibtisch. Sie nahm ihn aber nicht entgegen und rief stattdessen entsetzt: »Das geht ja gar nicht!«

Sie riss der Liebsten das Formular wieder aus der Hand. »Wir müssen noch mal anfangen. Sie sind ja eine Familie und gehören auf ein Formular!«

Und so geschah es, dass durch unseren Umzug nach Stoibisch in Hinnedausch endlich die Verhältnisse unserer Zweierbeziehung geklärt wurden: Die Liebste steht an der Formularstelle des Haushaltsvorstandes = Ehemanns und ist somit das Oberhaupt unserer Familie!

 

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