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Big Brother and Sister

Vor einigen Tagen habe ich ein Buch geschenkt bekommen. Eine Freundin hat es auf einem Flohmarkt gefunden und mir mitgebracht, weil sie weiß, dass ich solche Schinken sammle. Auf ca. 600 Seiten gibt es Briefe für alle Lebenslagen. Leider steht kein Erscheinungsdatum darin, aber wenn ich von Daten und Inhalten der Beispielsbriefe ausgehe, dann muss das Buch noch vor dem ersten Weltkrieg erschienen sein.

Es wird natürlich eine Weile dauern, bis ich mich da durchgelesen habe. Danach werde ich aber hoffentlich für den Schriftverkehr jeglicher Art gerüstet sein und kann endlich unser entlaufenes Dienstmädchen bei der Polizei anzeigen.

»Minna, falls Du das hier lesen solltest, bei uns müssen dringend die Fenster geputzt werden!«

Briefe an meine Liebste werde ich in Zukunft mit der Floskel »Mein inniggeliebtes Frauchen!« beginnen. Gleichrangige Kameradinnen werden wie oben zu sehen tituliert. Endlich ist mein Problem, wie ich Euch ansprechen soll, gelöst.

Wenn ich in diesen Tagen mit anderen Lesben zusammentreffe, erlebe ich immer wieder ein kleines Wunder. Eine bestimmte Art von Wunder, das in die gleiche Kategorie wie Mc Donalds gehört. Keine geht hin, aber jede weiß wie ein Hamburger schmeckt.

So ist es auch mit Big Brother. Keine sieht es sich an, aber jede weiß wie die BewohnerInnen heißen. Häufigste Begründung: »Ich bin da beim Zappen zufällig reingeraten!« gleich gefolgt von: »Ich habe es in der Goldenen Frau beim Zahnarzt gelesen!«

Also wir, die Liebste und ich, wir sind weder beim Zappen zufällig reingeraten noch haben wir die Goldene Frau beim Zahnarzt gelesen. Wir haben es uns vorletzten Samstag und letzten Samstag vor dem Fernseher so richtig gemütlich gemacht und den Einzug und die erste Nominierung der RauschmisskandidatInnen vom Anfang bis Ende angesehen.

Natürlich bin ich auch anfangs des Jahres politisch korrekt entsetzt gewesen, dass Menschen hier auf engsten Raum zusammengesperrt und rund um die Uhr beobachtet werden sollen.

Erst nach und nach sind mir die Vorteile dieser Dauerbeobachtung bewusst geworden. Meine Nachbarn haben nun endlich ein Thema. Sie können ohne größere Umstände andere Menschen von morgens bis abends beobachten. Und auch noch nachts, wenn sie wollen. Die jeweiligen Containerinsassen zeigen freiwillig her, was unsere Nachbarn interessiert. Kein stundenlangen Auf-der-Lauer liegen mehr, nie mehr Horchen an der Wand. Big Brother liefert alles freiwillig ins Wohnzimmer. Oft sogar live und immer in Farbe. Ohne jede weitere Anstrengung zu sehen wie Marion heult und Christian pöbelt, welch ein Genuss! Dagegen sind meine Liebste und ich doch so uninteressant wie der berühmte Sack Reis in China.

Sogar der homophobe Teil unserer Bevölkerung kommt in dieser zweiten Staffel auf seine Kosten. Ein bisexueller Jörg und Rocker-Harry tätschelt dessen Hintern. Schon war in einem Big Brother Forum zu lesen: »Wieder eine ostdeutsche Tunte im Container!«. Genau, das hätte ich fast vergessen, auch der Ossi-Wessi-wer-hat-die-besseren-Vorurteile-Kampf wird bedient. Also Ihr Lesben, vorzugsweise aus dem Osten und klischeehaft aussehend, bewerbt Euch für den dritten Containerlauf. Je mehr von Euch drin hocken, desto ruhiger wird das Leben meiner Liebsten und mir draußen.

 

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