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Wo ist das Popcorn?

Die Liebste und ich haben ein gemeinsames Hobby: Katastrophen gucken. Früher, in der guten alten Zeit, da sind wir noch ab und zu ins Kino gegangen und sahen uns an, wie der weiße Hai genüsslich Badegäste und unvorsichtige Surfer verspeiste, oder die Erde in San Francisco bebte. Dramatik für eineinhalb Stunden bis der Held die Heldin gerettet hatte, das vermisste Kind gefunden war und alle sich wild entschlossen daran machten, ihr Leben weiter zu leben, ganz so als wenn nichts geschehen wäre. Schöne heile Welt eben. Hollywood wird’s schon richten.

Mit der Einführung des Privatfernsehens ließen unsere Kinobesuche nach. Nun gab es ja mehr als genug dieser Filme auf allen Kanälen. Wobei die Liebste Flugzeugdramen bevorzugt, ich stehe eher auf Naturkatastrophen. Die Stewardess, die den Jumbo sicher landet, während sich der Pilot mit einer Fischvergiftung auf dem Boden wälzt, ist mir einfach zu unrealistisch. Der stählende Held, der mit der bloßen Faust das Loch in einem Staudamm stopft, bis Rettung in letzter Sekunde herbei eilt, ist mehr nach meinem Geschmack. Außerdem unterstelle ich der Liebsten, dass sie der Fischvergiftung nur deshalb den Vorzug gibt, weil sie selbst allergisch auf Schalentiere reagiert.

Den letzten Film dieser Art sah ich zufällig neulich nachts. Ausnahmsweise mal im öffentlich rechtlichen Fernsehen. Der Zweiteiler ging vier Stunden lang: Güterzug mit Atombombe und Giftmüll an Bord rast führungslos auf Denver zu. Jeder Versuch, ihn zu stoppen, schlägt fehl. Atombombe explodiert, Menschen flüchten, treffen sich alle in einem Flüchtlingslager wieder, begrüßen sich, sprechen ein kleines Gebet und beginnen dann singend mit dem Wiederaufbau – Ende.

Ein weiterer Grund, weshalb wir nicht mehr so oft ins Kino gehen, ist die Tatsache, dass wir seit einigen Jahren die realen Katastrophen ja auch frei Haus geliefert bekommen. Einstürzende Türme in New York, Ossiland überflutet, explodierende Raumfähre – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Dank ntv und n24 und ihren roten Balken sind wir stets auf dem Laufendem und fiebern live mit. Wir konnten sehen, wie das Dach der Turnhalle in Beslan einstürzte und halbnackte Kinder um ihr Leben rannten. Ebenso wie die blutüberströmten Menschen, die aus den U-Bahnen in Madrid und London krochen. Immer schön im Großformat, mit der Kamera direkt drauf.

„Das kann uns kein Hollywoodfilm bieten“, meint die Liebste und greift noch mal in die Chipstüte. Ich muss ihr recht geben. Auf unserer Couch ist es wesentlich gemütlicher als im Kino. Keiner versperrt mir die Sicht und raschelt mit der Tüte – außer der Liebsten und der kann ich die Tüte wegnehmen und selber damit rascheln. Chips konnte ich nie widerstehen.

Das bisschen Wasser neulich in Bayern war natürlich nicht gerade der große Kick, und die letzte Raumfähre ist bei ihrem Eintritt in die Erdatmosphäre auch nicht verglüht. Dabei hatten wir für die Landung uns extra freigenommen und sogar das Telefon abgestellt.

Doch Hurrikan Katrina entschädigt uns für vieles. Zunächst waren wir ja etwas enttäuscht. Groß angekündigt, auf sämtlichen Kanälen wartende Reporter, schien es nur ein bisschen zu regnen. Erst am nächsten Tag ging es dann so richtig los. New Orleans abgesoffen, Biloxi dem Erdboden gleich gemacht, Plünderungen, Mord, Vergewaltigung. Heulende verzweifelte Menschen, die auf Dächern sitzen, wow, wesentlich unterhaltsamer als der Tsunami Ende letzten Jahres. Dass die in der Dritten Welt so leiden, ist ja irgendwie nichts Besonderes. An heulende Inder haben wir ja längst gewöhnt. Aber in den USA? Das ist ja fast so, als seien wir selbst betroffen. Und spenden müssen wir auch nichts, die USA ist ja schließlich eine reiche Industrienation und kann sich selbst helfen. Der Horror ist diesmal ein billiges Vergnügen. Hipphipphurra, wo ist das Popcorn?

Mir fällt die lesbische Schriftstellerin J.M. Redman ein, deren Bücher rund um New Orleans spielen und die auch selbst dort wohnen soll. Wie es ihr wohl gehen mag? Für einen Moment bin ich richtig betroffen. Doch bevor ich mir darüber weiter Gedanken machen kann, wird überall die eigentliche Katastrophe gemeldet: Die Benzinpreise steigen, jawohl, sie steigen! Die Aktien der sogenannten Rückversicherung erleiden gigantische Verluste. Unser Wirtschaftminister spricht von einem Desaster für unsere Wirtschaft. Konnten die nicht besser auf ihre Bohrinseln aufpassen? So was aber auch, das verdirbt ja den ganzen Spaß.

 

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