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Generation 50plus

Ich habe ein neues persönliches Unwort. Viele Jahre stand die »Ruderoma« unangefochten an oberster Stelle meiner Liste. Doch nun wurde sie von der »Generation 50plus« abgelöst.

Ich frage mich schon seit Längerem, wer oder was das sein soll? In Fragebögen taucht unter Alter häufig die Rubrik »49 und älter« auf. Das scheint eindeutig: Alle Menschen über 49 Jahre gehören der ein- und derselben Gruppe an. Meine Meinung, meine Interessen, meine Lebenserfahrung scheinen demnach identisch mit denen meiner 98 jährigen Nachbarin zu sein. Anders kann mich mir diese Einteilung nicht erklären.

Bei den Suchmaschinen erscheint unter dem Begriff: »Partnersuche 50plus-Treff – Kontaktanzeigen ab 50+ mit Senioren Chat« – »Internetkurse für die Generation 50plus« – »Online Kompetenz für die Generation 50plus«

Die sehr lobenswerte Seite netz-gegen-nazis.de schreibt: »Generation 50plus aktiv im Netz gegen Nazis […] Für Menschen der Generation 50plus gehört das Internet vielfach zum Alltag. Doch im interaktiven Teil der virtuellen Welt, dem der Foren, Chats und sozialen Netzwerke, sind sie bisher selten vertreten.«

Danach scheint 50plus auch viel damit zu tun zu haben, wie mit den neuen Medien umgegangen wird. Man hält mich und meine fast ein halbes Jahrhundert ältere Nachbarin zwar für fähig, einen PC einzuschalten und E-Mails abzurufen, aber zu doof für Twitter, facebook und Co.

Ansatzweise kann ich das noch nicht einmal bestreiten, denn bei facebook finde ich immer noch nicht alle Knöpfe, die ich brauche – upps, das sind ja Buttons. Diese Unfähigkeit könnte allerdings auch etwas damit zu tun haben, dass mich die Vernetzung manchmal an einen Kindergarten erinnert: »Willst du meine Freundin sein?« Bisher habe ich mir es aber verkniffen, auf Kontaktanfragen zu antworten: »Mit dir spiele ich heute nicht!«.

Ich kann von Jahr zu Jahr meine Großmutter besser verstehen, die sich häufig mindestens zehn Jahre jünger machte und ihr wahres Alter gern verschwieg. Es ist nervig, täglich aufs Neue zu hören oder zu lesen müssen, wie ich angeblich fühle und denke.

Letztens erzählte mir eines meiner Kinder von einer gemütlichen Runde bei Kaffee und Kuchen. »Meine Mutter hat sich jetzt einen PC gekauft«, berichtetet jemand und wurde gleich mundtot gemacht: »Und meine Mutter twittert!« Das konnte anscheinend von niemand übertrumpft werden und ich fragte mich, wie ich das nun finden sollte? Ich fühlte mich keineswegs geschmeichelt, als kleine Sensation zu gelten.

»Sooo alt bist du, das hätte ich nie gedacht. Du wirkst viel jünger!« Früher habe ich auf solche Sprüche schon mal geantwortet: »Dann komm mal gucken, wie ich morgens ohne Schminke aussehe.« Mittlerweile habe ich keine Lust mehr, überhaupt darauf zu antworten. Es mag als Kompliment gemeint gewesen sein, doch an manchen Tagen empfinde ich einen solchen Satz mittlerweile als eine regelrechte Beleidigung. Das fällt für mich in dieselbe Rubrik wie gewisse Sprüche in den Medien: »Schauspielerin X oder Sängerin Y ist bereits über fünfzig und wirkt noch so jung – hat sie sich einer Schönheitsoperation unterzogen? Die Falten geglättet, den Busen gestrafft?«

Aber nein, gesunde Ernährung, Nichtraucherin, seit der Pubertät täglich drei Kniebeugen, mehr steckt nicht dahinter. Das muss die Angesprochene dann beteuern, denn alles andere wäre sozial unerwünscht, wenigstens in Deutschland. Die Wahrheit will doch niemand hören: »Wenn ich ernst genommen werden will, muss ich jung, fit und dynamisch aussehen … oder uralt. Sonst entspreche ich dem Bild 50plus: Geistig nicht mehr ganz auf der Höhe, aber mit etwas Nachhilfeunterricht erreiche ich vielleicht doch noch ein wenig Medienkompetenz.«

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