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„Herr Ministerpräsident und Herr Minister haben mich gebeten, Ihnen zu antworten“

Der Brief lag schon seit dem 1. August im Mailfach, aber ich habe mich erst heute dazu überwinden können, ihn Wort für Wort zu lesen. Beim ersten Überfliegen vor zwei Wochen überkam mich das starke Bedürfnis, irgendwelche Vertreter_innen von Landesregierung und/oder deren Parteien anzubrüllen. Laut. Stundenlang. Und ziemlich egal welche, ganz nach dem alten Spruch meiner Oma: Alle in einen Sack stecken und draufhauen, es wird schon die Richtigen treffen.

Es gibt Dinge, die besser werden, wenn man sie eine Weile liegen lässt und ihnen Zeit gibt, sich zu entwickeln und zu reifen. Bei besagter Mail war das leider nicht der Fall, der Inhalt ist heute noch so mies wie bei ihrem Eintreffen. Aber irgendwann musste ich sie noch mal lesen, so zu tun, als sei sie nie angekommen, war leider keine Option. Bevor ich übermorgen bei CSD Darmstadt Kundgebung eine kleine Rede zum Motto „Ich hab´ nichts gegen die, aber …“ halte, sollte ich schon wissen, wie die baden-württembergische Landesregierung eigentlich auf meinen Brandbrief reagiert hat. Auch wenn Darmstadt in Hessen liegt.

Da ich mir nicht im Klaren darüber bin, ob ich die Mail hier einfach veröffentlichen darf, ohne gegen irgendwelche Datenschutz- oder ähnliche Bestimmungen zu verstoßen, gebe ich den kärglichen Inhalt besser mit meinen eigenen Worten wieder.

Herr Ministerpräsident und Herr Minister [Kultusminister Stoch] haben mich gebeten, Ihnen zu antworten“,

heißt es am Anfang. Dann folgen ein paar Infos, worum es bei dem Bildungsplan eigentlich geht und die Versicherung:

Dass die Situation von LSBTTI-Jugendlichen im ländlichen Raum oft schwieriger ist als in großen Städten, ist bekannt.

Wieso man den Eindruck hatte, mir den Bildungsplan erklären zu müssen, macht mich wirklich ratlos. Habe ich mich in den letzten Monaten wirklich so unklar ausgedrückt? Vielleicht aber sollte ich mich einfach nur darüber freuen, dass man die schwierige Situation der LSBTTIQ Jugendlichen bei uns auf dem Land wenigstens kennt?

Darüber hinaus werden wir Schulpsychologinnen und Schulpsychologen für die besondere Situation von LSBTTI-Jugendlichen, aber auch von Lehrkräften und Eltern oder Geschwistern sensibilisieren und sie zu deren Beratung fortbilden.

Die beiden Fünfzehnjährigen, die mir heute früh beim Spaziergang mit den Hunden zufällig über den Weg liefen, zuckten beim Stichwort „Schulpsycholog_innen“ nur hilflos mit den Schultern. Von denen hatten sie noch nie etwas gehört und mit dem Vertrauenslehrer an ihrer Schule, im Zweitberuf katholischer Religionslehrer und im Drittberuf Priester, würden sie bestenfalls über die Fußball WM reden. Und das auch nur, wenn es unbedingt sein müsste. Nie und nimmer und auf gar keinen Fall käme er als Gesprächspartner für Privates infrage. Ach ja, und die nächste schulpsychologische Beratungsstelle in der Kreisstadt ist für sie vor ihrem 18. Geburtstag, dem Führerschein und dem eigenen Auto ebenso gut erreichbar wie der Mann im Mond.

Die Mail endet dann mit:

Weitere Informationen zur Bildungsplanreform und zu den Beteiligungsmöglichkeiten finden Sie im Internet unter www.kultusportal-bw.de (Schule in Baden-Württemberg/Bildungspläne).

Danke für den Hinweis und nur eine winzig kleine Frage, lieber Mensch, der mir im Auftrag der Herren Ministerpräsident und Kultusminister geantwortet hat: Für wie doof halten Sie mich eigentlich?

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