Springe zum Inhalt

Sterben

Irgendwann in der Viertelstunde zwischen dem Frühstück und dem wöchentlichen Besuch des Hausarztes muss sie beschlossen haben, dass es nun reicht. Vielleicht hing ihr die Marmelade zum Hals raus, vielleicht schmeckte ihr der Tee nicht mehr. Vielleicht hatte sie sich auch nur ausgerechnet, dass sie nun bereits ungefähr 36.000 Mal morgens aufgestanden und abends wieder ins Bett gegangen war.

Als der Arzt kommt, sagt er nicht wie sonst immer: »Sie haben einen Blutdruck wie ein junges Reh!«, sondern holt sein Stethoskop aus der Tasche und horcht sie ab.

Innerhalb einer Viertelstunde sind ihre Hände und Füße angeschwollen und ihr Atem geht schwerer. Ihr Blick verändert sich, lächelnd sieht sie durch uns durch. Am Abend vorher hatte sie noch zusammen mit den Vögeln den Schiedsrichter im Fernsehen beschimpft und das Lied von der Schwiegermutter, die aufgehängt werden soll, gegrölt. Jetzt scheint sie nicht mal mehr den Hund wahrzunehmen, als er von ihr gestreichelt werden will.

Erst denken wir, sie will uns wieder mal ärgern. Wie oft hat sie uns in den letzten Jahren mitleidsheischend gesagt, dass sie krank sei und der besonderen Pflege bedürfe. Und wie sehr hat sie sich über unsere Antwort: »Du bist nicht krank, du bist einfach nur alt!« geärgert. Doch irgendwann müssen selbst wir einsehen, diesmal ist es anders.

Auf unseren Hilferuf kommt am Abend eine enge Freundin, eine Altenpflegerin, vorbei und redet Klartext. »Überlegt euch, wie ihr mit ihrem Sterben umgehen wollt!«

Ich bin stinksauer. Was soll das denn heißen? Der Oma ist es schon öfter nicht so gut gegangen und sie hat sich immer wieder aufgerappelt. Ich würde einfach nicht zulassen, dass sie stirbt. Die Liebste ist ganz meiner Meinung.

Wir lösen die Antibiotika und Entwässerungstabletten, die der Arzt verschrieben hat, im Tee auf und flößen ihr die Medikamente löffelweise ein. Die Schwester zeigt uns eine Rückenmassage, die die Atmung anregen soll. Auf Omas Brust verreiben wir eine medizinisch-gesund-stinkende Salbe.

Die Liebste und ich und die Schwestern vom Pflegedienst versichern uns gegenseitig, sie sei nur ein bisschen erkältet. Dabei wir wissen wir genau, dass wir uns nur anlügen.

Um die Körperpflege einfacher zu machen, schneiden die Schwestern die Nachthemden hinten auf. Fünf Jahre lang haben wir alle Scheren und Messer aus ihrer Reichweite weggeräumt, damit sie ihre Klamotten nicht zerschneiden konnte, und nun sind wir es, die ihre Sachen aufschneiden. Wenn das keine Ironie ist.

Zwischendurch denken wir ganz rational darüber nach, wen müssen wir anrufen, wenn es so weit ist? Wo ist das Stammbuch? Weiß eigentlich jemand wirklich, wie Oma beerdigt werden will? Bei einem Ludwigshafener Beerdigungsinstitut soll sie schon vor zwanzig Jahren Anweisungen hinterlassen haben. In ihren Unterlagen können wir nichts finden. Wir rufen alle an, die in Frage kommen könnten. Niemand weiß etwas.

Und Oma lächelt. Das macht uns am meisten Angst. Wo ist die zänkische Frau, die ständig meckert und uns mit Wonne beschimpft?

Die Liebste kocht Schokoladenpudding. Wir holen Obstgläschen für Kleinkinder. Essen war immer ihr Genuss gewesen. »Wenn sie mal nicht mehr isst, dann wird es ernst«, haben wir immer gesagt.

Der Schokoladenpudding isst sie noch. Auch den Babybrei am nächsten Morgen. Wenn auch mit Schwierigkeiten. Sie scheint vergessen zu haben, wie man schluckt. Wir machen es ihr immer vor. Mittags will ich ihr das Obst aus dem Gläschen füttern. Nach ein paar Löffeln ist Schluss. Sie macht einfach den Mund nicht mehr auf. Immer wieder schließt sie die Augen, bis sie sie irgendwann gar nicht mehr öffnet.

Die Vögel geben keinen Mucks mehr von sich. Ich rüttele vergebens an den Käfigstäben. »Macht Krach! Zeigt Oma, dass ihr sie da seid, ihr blöden Viecher. Sonst randaliert ihr doch auch den ganzen Tag!« Der Hund schleicht wie auf Zehenspitzen an der Zimmertür vorbei.

Der Herr vom Sanitätshaus kommt und bringt ein Sauerstoffgerät. Brumm, knatter, brumm angeblich funktioniert das Ding ähnlich wie ein Staubsauger und macht ebensolchen Krach. »Es zieht die Raumluft an«, erklärt der Herr. »Und verwandelt sie dann in Sauerstoff.«

Das erste kleine Plastikfläschchen mit destilliertem Wasser zur Befeuchtung gibt es umsonst dazu, dann nächste soll sie dann selbst zahlen, selbst vor Sterbenden macht die Gesundheitsreform nicht halt.

Der Liebsten wird zum ersten Mal bewusst, was für ein Radau den ganzen Tag über vor und in unserem Haus ist. Quietschende Autoreifen, kreischende Schulkinder, bellende Hunde. Die Schwester vom Pflegedienst hätte gerne eine Dekubitusmatratze bestellt.

»Bis die von Krankenkasse genehmigt ist, ist sie längst tot!« meint der Arzt sehr direkt und stellt wieder mal die Frage, ob Oma nicht doch ins Krankenhaus soll. Nicht, dass er das für gut hielte, aber er muss uns das anscheinend fragen, um seinen ärztlichen Pflichten nachzukommen.

»Wird sie dort gesund?« fragen wir. »Nein!«

Wir haben mit Oma Weihnachten, Ostern und Geburtstage gefeiert, aber Sterben soll sie allein? Braucht sie einen Pfarrer? Glaubt sie an Gott? Niemand weiß es glauben nicht alle spätestens dann an Gott, wenn sie im Sterben liegen?

Oma bewegt sich nicht mehr und atmet immer schwerer. Der Sauerstoff scheint ihr nur wenig Linderung zu verschaffen. Trotzdem werden wir den Eindruck nicht los, dass sie sehr genau wahrnimmt, was um sie herum passiert. Ab und zu scheint sie noch auf Berührungen zu reagieren.

Die Töchter kommen. »Fragt den Arzt nach Infusionen«, meint die eine hilflos. Wozu? »Irgendwas muss er doch tun!« Die andere besorgt Vitaminpaste in der Apotheke.

Am fünften Tag begreifen auch die Liebste und ich endgültig, dass die Zeit gekommen ist. Wir verhängen die Fenster mit gelben Tüchern und zünden Kerzen an. Und sagen ihr, dass sie gehen kann. Dass sie sich keine Sorgen um uns machen muss. Dass es schön war mit ihr.

Sie ist in unseren Armen gestorben.