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Gestern Abend wurde bei Günther Jauch über Altenpflege in Deutschland gesprochen. »Kostenfaktor Oma – wird Pflege unbezahlbar?« lautete der Titel der Sendung. Kam mir irgendwie bekannt vor, weshalb ich mir entgegen meiner sonstigen Gewohnheit – Jauch darf sonst eigentlich nicht auf unseren Bildschirm – heute früh die Wiederholung angesehen habe.

Die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt berichtete, was sich in den letzten Jahren gesetzlich bei der Pflege geändert habe und in Zukunft noch ändern werde: Von einem Kofferraum voller Formulare sei man inzwischen bei einer LKW Ladung gekommen und wollte zurück auf den Laderaum kleinen Busses oder so ungefähr wenigstens. Ein Herr Spahn von der CDU behauptete unverfroren, selbst wenn Oma sich das Pflegeheim nicht leisten könne, würden Angehörige nur in wenigen Ausnahmefällen finanziell herangezogen und diejenigen, die anderes behaupteten, hätten nur Angst um ihr Erbe. Ein Schweizer erzählte von seinem Altenheimprojekt in Thailand und ein Mann von den Gründen, weshalb seine Mutter in einem Heim in der Slowakei gepflegt wird. Bei einer Moderatorin wurde ständig eingeblendet: »Pflegte fünf Jahre ihre Großmutter«, richtiger wäre wohl gewesen: »Ließ die Großmutter bei sich wohnen und bezahlte die nötigen Pflegekräfte«. Der Leiter eines Altenheims versuchte … Ja, was? Spontan würde ich sagen, nicht auszuflippen, wenn das Gelabere von Schmidt und Spahn sowie Jauchs Fragen allzu realitätsfremd daherkamen.

...weiterlesen "Update: Billige Gefriertruhe für Oma gesucht"

Toni und Chris sind zwei nette Menschen. Sie lernen sich kennen, sie verlieben sich ineinander, sie lieben sich, sie ziehen zusammen. Klein-Toni wird geboren und drei Jahre später kommt Klein-Chris zur Welt. Fast wie im Bilderbuch, eine glückliche Familie mit zwei Kindern. Doch eines Tages läuft es nicht mehr so gut in der Beziehung, es gibt häufig Streit und gerade als Klein-Toni eingeschult wird und Klein-Chris in den Kindergarten kommt, trennt sich das Paar.

 

Chris zieht aus und die Kinder bleiben bei Toni. Oder Toni zieht aus und die Kinder bleiben bei Chris. Ich habe bewusst das Geschlecht der beiden offen gelassen. Denn für den folgenden Ablauf ist es vollkommen egal, ob es sich um Anton und Christiane oder Antonia und Christian oder Anton und Christian oder Christiane und Antonia handelt. Wichtig ist nur: In der Regel geht bei einer Trennung eine Person und die andere bleibt bei den Kindern. Der Einfachheit halber entscheide ich mich jetzt für: Toni bleibt, Chris geht.

8 ½ 9 Stunden am Tag verbringt Toni am Arbeitsplatz, ganz genau wie Chris. Es gibt es Menschen, die erreichen ihre Firma in fünf Minuten zu Fuß. Doch laut den Arbeitsagenturen und entsprechenden Gerichtsurteilen sind durchaus auch Anfahrtswege von bis zwei Stunden zumutbar. So dramatisch muss es ja nun nicht sein, die beiden brauchen für den Hin- und Rückweg jeweils eine halbe Stunde.

Spätestens nach zehn Stunden hat Chris also Feierabend. Toni erst nach elf, schließlich muss morgens Klein-Chris in die Kita gebracht und Klein-Toni bei der Schule abgesetzt werden. Und das geht nicht ganz so schnell, wie unbedarfte Kinderlose sich das häufig vorstellen. Da ist nichts mit Autotür auf, Kind raus, Autotür zu und weg. Ich habe das einmal mit meinem Sohn gemacht – allerdings war an diesem Tag der Kindergarten geschlossen. Glücklicherweise hat die Bildzeitung davon nie Wind bekommen, sonst hätte man mich sicher als Rabenmutter der Nation gebrandmarkt. Und nicht zu vergessen: abends sollte man die Kinder auch tunlichst wieder einsammeln.

Während Chris gemütlich vor dem Fernseher hockt oder sich mit Freunden in der Kneipe trifft, verbringt Toni »Qualitätszeit« mit dem Nachwuchs. Kocht was zu essen, schmeißt die Wäsche in Waschmaschine, liest eine Gutenacht-Geschichte vor. Organisiert Arzttermine und ärgert sich über den Religionslehrer, der Klein-Toni mit einer schlechten Note gedroht hat, weil das Heft auch nach zwei Tagen noch nicht mit einem lila Umschlag verhüllt ist.

Die Richter des Bundesgerichtshofs halten das für eine gerechte Aufgabenverteilung. Schließlich zahlt Chris ja Unterhalt für die Kinder, dann kann Toni ruhig auch was tun, scheinen sie zu denken. Heutzutage ist die Kinderbetreuung doch gar kein Problem mehr. Ab 2013 besteht sogar ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Schluss mit nur halbtags arbeiten und danach stundenlang faul auf der Couch rumliegen. Von der »Mannheimer Lösung« für diesen Rechtsanspruch scheinen die Herren beim BGH noch nichts gehört zu haben: Um Krippenplätze anbieten zu können, wurden einfach die Hortplätze gestrichen. Im neuen Schuljahr stehen in der Quadratestadt geschätzte 500 – 1000 Kinder nach Schulschluss auf der Straße.

Manchmal da überkommt es mich und ich sehne mich nach einem Baby. So einem kleinen Wesen, das ich herzen und knuddeln kann. Vor Kurzem erst ist Gianna Nannini Mutter geworden, obwohl sie sogar noch ein paar Monate älter ist als ich. Gelegentlich ein verführerischer Gedanke, dennoch wäre das aus vielen Gründen keine Option für mich. Also gerate ich in diesen sentimentalen Momenten in Versuchung, zum Telefonhörer zu greifen und meinen Kindern unmissverständlich nahe zu legen, endlich ihre Kinderplanung in Angriff zu nehmen. Schließlich hat mich neulich erst ein Dreijähriger als »alte Oma« tituliert. Und ganz bestimmt würde ich sofort damit anfangen, Söckchen und Mützchen zu stricken.

Doch mit klarem Kopf und bei einer realistischen Sicht auf die Zustände kann ich ihnen eigentlich nur empfehlen: Solange derart weltfremde Urteile gefällt werden und Stadtverwaltungen zu solchen Tricks greifen, lasst das mit dem Kinderkriegen besser sein!

...weiterlesen "Weltfremde Richter und Mannheimer Lösungen"

Meine Oma war 94 und schon etwas wacklig auf den Beinen, deshalb habe ich sie ins Wahllokal begleitet. Als wir in der Kabine standen, brüllte sie – sie war fast taub und nahm an, andere Menschen seien es ebenfalls -: »Wo soll ich denn jetzt mein Kreuzchen machen?«

...weiterlesen "Jung und Alt an die Wahlurnen"

Lasst euch eines gesagt sein: wenn ihr beabsichtigt, irgendwann das Zeitliche zu segnen, tut es nicht an einem Freitag nach 12 Uhr! Nehmt Rücksicht auf eure Angehörigen und erledigt das entweder vorher oder erst am Samstag.

Oma war leider nicht so rücksichtsvoll, vielleicht wusste sie es auch nicht besser. Sie machte ihren letzten Schnaufer an einem Freitag um Punkt 18.30 Uhr. Geschult durch viele Folgen Emergency Room sahen die Liebste und ich natürlich auf die Uhr und konnten die Frage: »Zeitpunkt des Todes?« auf die Sekunde genau angeben leider.

...weiterlesen "Was kostet der Tod?"

Irgendwann in der Viertelstunde zwischen dem Frühstück und dem wöchentlichen Besuch des Hausarztes muss sie beschlossen haben, dass es nun reicht. Vielleicht hing ihr die Marmelade zum Hals raus, vielleicht schmeckte ihr der Tee nicht mehr. Vielleicht hatte sie sich auch nur ausgerechnet, dass sie nun bereits ungefähr 36.000 Mal morgens aufgestanden und abends wieder ins Bett gegangen war.

Als der Arzt kommt, sagt er nicht wie sonst immer: »Sie haben einen Blutdruck wie ein junges Reh!«, sondern holt sein Stethoskop aus der Tasche und horcht sie ab.

...weiterlesen "Sterben"

So manche Hausfrau soll angeblich stolz darauf sein, dass man bei ihr vom Boden essen könnte. Nun, die Liebste und ich sind stolz darauf, dass bei uns niemand vom Boden essen muss. Nicht einmal »man«. Bei uns dürfen sich alle an einen Tisch setzen und bekommen sogar einen Teller. Wir sind uns darin einig, die Hausarbeit auf das Nötigste zu beschränken, und können seelenruhig dabei zusehen, wie sich das Geschirr in unserer Küche bis an die Decke stapelt und dort ein Stelldichein mit den Spinnweben hält. Solange wir noch eine saubere Tasse im Schrank haben, geht das in Ordnung. Hundehaare, Körbe voll Bügelwäsche? Na und? Und der Mülleimer gilt auch erst dann als voll, wenn er Anstalten macht, sich selbst zu entsorgen.

...weiterlesen "Begegnung mit einer unheimlichen Art"

Ich renne meinen Verfolgern davon. Immer schneller und völlig außer Atem. Aber sie erwischen mich doch. Sie werfen einen zentnerschweren Kartoffelsack nach mir. Ich falle auf den Rücken, der Kartoffelsack liegt auf meinem Bauch. Die einzelnen Kartoffeln rollen hin und her und das ganze Bett wankt. Bett?

 

Langsam mache ich die Augen auf und sehe direkt auf eine schwarze Nase. Der struppige Kartoffelsack liegt ganz ruhig da. Nur seine Nase kam immer näher und näher und dann leckte eine große rote Zunge über mein Gesicht.

Auch eine Art geweckt zu werden. Selbst wenn es mir nicht besonders gefällt, dass unser Kampfhund so groß wie ein Wolf, wie Oma zu sagen pflegt, meine Morgentoilette übernehmen will.

»Hau ab! Lass das!« Die Zunge verschwindet und ich schließe wieder die Augen. Das Gewicht auf meinem Bauch verändert sich nicht.

Als ich probeweise blinzle, ist die schwarze Nase nur zwei Zentimeter von meiner Nase entfernt.

»Verschwinde!« Provozierend langsam rutscht das Gewicht von mir herunter. Aber nicht in Richtung Bettkante, sondern in Richtung der Liebsten. Auch egal, Hauptsache ich habe meine Ruhe.

»Au!« höre ich die Liebste Sekunden später brüllen und fahre in die Höhe. Die reinrassige Mischlingshündin steht mit allen Vieren auf der Liebsten. Mit zwei Pfoten auf ihren Oberschenkeln und zwei Pfoten auf ihren Brüsten wedelt sie wie wild mit ihrem Ringelschwanz. Irgendwo in ihren Genen muss sich einmal ein Schwein verewigt haben.

»Runter, du Mistvieh!« kreischt die Liebste und versucht, sich auf die Seite zu drehen. »Weißt du eigentlich, wie viel du wiegst?« Beleidigt zieht sich die Hündin zurück und rollt sich am Fußende zusammen.

»Au«, jault die Liebste immer noch und reibt ihre Brüste. »Das gibt bestimmt blaue Flecken!«

Eines hat der Kampfhund, der sich bei flatternden Vorhängen hinter der Couch versteckt, erreicht: wir sind wacher als es uns für diese Uhrzeit lieb ist.
»Sollte ich je erfahren, wer dieser Fußkitzler damals war, bringe ich ihn um!« schimpft die Liebste vor sich hin, während sie nach den Zigaretten auf ihren Nachttisch grabscht.

»Musst du schon wieder rauchen?« meckere ich automatisch. Doch mit dem Fußkitzler hat sie recht. Wäre er nicht gewesen, gäbe es heute niemanden in unserem Haushalt, der sich einfach zu uns ins Bett legt, unsere Schubladen öffnet und die Tempotaschentücher daraus klaut und überall seine Haare gleich büschelweise hinterlässt.

Der Fußkitzler, das war ein Mensch, der nachts die glatten Wände hoch kletterte, in Wohnungen einstieg und schlafenden Menschen an den Füßen kitzelte. Bis diese richtig begriffen, was ihnen da geschah, war er schon längst wieder auf dem Rückweg.

Nachdem wir eines Abends verdächtige Geräusche auf unserer Terrasse hörten, beschlossen wir, uns einen Wachhund zuzulegen. Es traf sich ganz gut, dass eine Hündin aus der Verwandtschaft sich gerade verbotenerweise mit einem Herrn eingelassen hatte. Wir versprachen, einen der Welpen zu nehmen und hofften so, gegen etwaige Attacken des Fußkitzlers und anderer böser Buben geschützt zu sein.

Sabine 1 kam mit acht Wochen zu uns. Sie war die Frechste aus dem Wurf der Sabines gewesen. Unserer kleinen Nichte gefiel der Name so gut, dass sie kurzerhand die Welpen als Sabines durchnummerierte.

Als Erstes änderten wir ihren Namen. Aus Sabine 1 wurde Ida. Als Zweites beschlossen wir, dass sie nie zu uns in Bett oder auf die Couch oder in einen Sessel darf. Wir richteten ihr ein kuscheliges Körbchen im Gang her. Dort blieb es ganze dreißig Minuten stehen. Dann stand es neben unserem Bett. Länger konnten wir das verzweifelte Jaulen nicht ertragen.

»Aber nur bis sie sich eingewöhnt hat!« versicherten wir uns gegenseitig. »Dann muss sie im Gang schlafen«.
Sie hat nie mehr im Gang geschlafen und revanchierte sich dankbar, indem sie die Riemen unserer Sandalen zerbiss. Immer nur einen Riemen von einem Paar.

Zu uns ins Bett oder auf die Couch durfte sie natürlich nicht. Wenigstens so lange nicht, bis sie groß genug war, um alleine hinaufzuklettern ungefähr zwei Wochen nach ihrem Einzug.

Das erste Mal meckerte ich sie noch an. »He, was machst du denn da?« Sie drehte mir den Hintern zu, ging in die Hocke und pisste auf die Couch. Was musste ich auch so blöd fragen!

Hunde lieben es spazierenzugehen, dachte ich wenigstens. Sobald wir durch die Haustür traten, setzte sich unser Hund hin und bewegte sich keinen Millimeter vorwärts. Ich schleifte sie auf ihrem Hintern hinter mir her. Der Hals wurde immer länger, sie fing an zu röcheln. Passanten warfen mir böse Blicke zu. Vor lauter Angst, dass jemand den Tierschutzverein alarmiert, trug ich sie nun wochenlang spazieren.

Wir kauften uns mehrere Bücher über Hundeerziehung und stellten fest, das Ida uns längst erzogen hatte. Ganz ohne entsprechende Bücher zu konsultieren.

»Wie d Herr, sos Gscherr«, sagt man hier. »Wie das Frauchen, so der Hund«, befolgt Ida diesem Leitsatz. Bald wurde sie ebenso verfressen wie ich. Für ein Leckerli tat und tut sie beinah alles und lernte sehr schnell einige der Grundbefehle wie »Sitz« und »Platz«. Sogar »Bei Fuß« geht sie immer den Kopf direkt neben meiner Hand, in der sich die Leckerlidose befindet.

Sie bezweifelt, dass sie nicht der menschlichen Rasse angehört. Vielleicht hat sie deshalb so viele Dinge missverstanden. Sie bellt vor Freude, wenn jemand kommt, und knurrt gefährlich, wenn Besucherinnen gehen wollen.

Sie stammt zwar aus einem Lesbenhaushalt, aber ihr Lieblingsmensch ist ein mittlerweile junger Mann. Wenn er kommt, guckt sie uns nicht mehr an. Andere Männer sind ihr allerdings suspekt. Kommen zum Beispiel Handwerker, verkriecht sie sich schon mal unter dem Tisch oder hinter dem Sofakissen.

So viel zum Thema Wachhund. Wir müssen also weiterhin selbst beißen.

Der Schrei geht mir durch Mark und Bein und ist bestimmt noch drei Häuser weiter zu hören. "Mein Fernseher dudd net!"

Ich lasse auf der Stelle alles fallen und renne zu Oma ins Zimmer. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl direkt vor dem schwarzen Bildschirm und ist dem Heulen nah.
"Mein Fernseher dudd net!" sagt sie anklagend. "Jemand hat ihn kaputt gemacht!"

...weiterlesen "Der Fernseher dudd net"

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass Oma bei uns wohnt?

Na ja, wenigstens hatte ich gedacht, dass Oma bei uns wohnt - bis wir in die Fänge der Pflegeversicherung geraten sind. Seitdem sind die Liebste und ich zu PFAG s mutiert. Auf gut deutsch: zu pflegenden Angehörigen. Sich dagegen zu wehren, ist zwecklos. Wer mit pflegebedürftigen Angehörigen in einer Wohnung lebt, wird automatisch zu einem PFAG, wenigstens in den Augen der Gesellschaft, der Pflegeversicherung und des ambulanten Pflegedienstes.

...weiterlesen "Die Leiden der PFAGs"