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Angeblich werden in Deutschland jedes Jahr ca. 100.000 Männer zwischen 50 und 80 Vater …

Eine Schätzung, denn exakte Angaben sind nicht zu finden. Aus unerfindlichen Gründen tauchen in Statistiken nur „eheliche“ Kinder auf. Heiraten zum Beispiel die Eltern erst ein paar Monate nach der Geburt, scheint das Alter des Vaters keine Rolle mehr zu spielen. Aber auch ohne genaue Zahlen ist nicht zu übersehen, dass die „alten Väter“ voll im Trend liegen und seit einiger Zeit im Internet, in Printmedien und Talkshows ein Dauerbrenner sind. Jeden Monat scheint ein anderer Politiker, Schauspieler oder Sportler über Fünfzig Nachwuchs zu bekommen und spätestens zwei Minuten nach der Geburt via Interview oder Pressemitteilung zu verkünden, wie glücklich er darüber ist.

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#609060 aufgreifen oder nicht? Für mich hätte diese Aktion zu keinem besseren Zeitpunkt beginnen können, sie passt gut zu meinem derzeitigen emotionalen Chaos – Wechseljahre, öffentliche Auftritte und (scheinbar) misslungene Fotos.

Bis vor zwei, drei Jahren habe ich mich »nur« mit meinem Körper herumgeschlagen, der feministische Kopf kämpfte beinah ununterbrochen und meist erfolglos mit essgestörten Gefühlen und den gesellschaftlichen Vorstellungen, wie eine Frau auszusehen muss. In besonders schlimmen Phasen klammerte ich mich dann gern an die Hoffnung, dieser fürchterliche Stress würde wenigstens nicht mein ganzes Leben lang andauern. Im Alter, also wenn ich mal die Fünfzig überschritten hätte, wäre es sowohl mir als auch allen anderen vollkommen egal, wie ich aussehe. Omas dürfen rundlich sein, das konnte man in jedem Bilderbuch sehen.

 

Leider begann diese Hoffnung, schon mit den ersten grauen Haaren zu schwinden. Dabei hätten sie eigentlich noch gar kein Problem darstellen dürfen, schließlich hatte ich mir schon als Jugendliche die Haare gefärbt. Ob nun meine ungeliebte ursprüngliche Haarfarbe oder das Grau übertüncht wurde, hätte im Grunde genommen egal sein können. Mit Omas Einzug bei uns verabschiedete ich mich dann endgültig von meiner Naivität. Ihr Beispiel zeigte: Selbst mit Neunzig ist frau nicht nur gezwungen, sich die Haare zu färben, die Fingernägel zu lackieren und über ihre Figur jammern, sondern muss sich darüber hinaus auch noch kiloweise Antifaltencreme ins Gesicht schmieren. »Ich will nicht wie ein altes Weib aussehen«, pflegte Oma zu sagen und prophezeite: »Das wird dir eines Tages genauso gehen!«

Inzwischen ist längst »eines Tages« und das Alter und die Wechseljahre haben mein Leben in puncto Aussehen und Fotos noch viel komplizierter gemacht, als es früher bereits gewesen war. Mein Körper, der unabhängig vom jeweiligen Gewicht sowieso noch nie irgendwelchen Kleidergrößennormen entsprochen hat, verschiebt die einzelnen Teile immer weiter in Richtung »alle Größen vereint in einem Outfit«. Außerdem rächen sich die manchmal extremen Gewichtsschwankungen seit meiner Jugend mittlerweile richtig bösartig in Form von Hautlappen … allein dieses Wort zu schreiben, bringt mich einer Depression nah und die »wohlmeinende« Frage einer Gynäkologin: »Wollen Sie sich DAS nicht mal chirurgisch entfernen lassen? Ansonsten sollten Sie wirklich ein Mieder tragen«, war für mein Selbstbewusstsein nicht gerade hilfreich gewesen.

Brüchige Nägel, Falten, Doppelkinn, Ringe unter den Augen und zu allem Überfluss ist es mir bisher noch nicht gelungen, Make-up, Lippenstift, Lidschatten usw. zu finden, die den Hitzewallungen und Schweißausbrüchen standhalten. Gerade jetzt, wo ich das dringende Bedürfnis habe, mich mehr denn je zu schminken, muss ich darauf verzichten, wenn der schweißgebadete rote Kopf auf einem Foto nicht noch von zerlaufendem Mascara getoppt werden soll.

Dieses Foto wurde von der Liebsten während einer Lesung gemacht:

 

Dieses Foto wurde während derselben Lesung von einem schlechtgelaunten Pressemenschen gemacht. Es war gerade Fußball EM der Männer, sagt wahrscheinlich alles.

Bei einer Lesung in Modautal

@ Pear Design

Bei einer Lesung in Aglasterhausen

@ Judith Blüthner

Zwei Fotos, die von Catrin Joergens beim Lesbenempfang in Köln aufgenommen worden sind. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie die wirklich schrecklichen Fotos von jenem Tag nicht veröffentlicht hat.

Foto 1  Foto 2

Ausschnitt aus einem Gruppenbild, das die Liebste beim CSD in Köln aufgenommen hat. Sobald ich weiß, ob die anderen Damen mit einer Veröffentlichung einverstanden sind, gibt es vielleicht das ganze Bild :-)

Daniela Zysk, Nele Tabler, Anne Bax, Sabine Arnold

Und jetzt ist es genug!

 

Nachtrag

#609060 oder: Mein Problem mit dem Mem

Anke Gröner greift hier einen wichtigen Aspekt auf, den ich mit einem Beispiel ergänzen will. Nach dem CSD in Köln 2011 bin ich über Twitter zufällig auf den Blog eines Schwulen geraten. Anscheinend hatte er als Kind wohl zu oft die Brigitte-Rubrik »Das waren doch nicht etwa SIE?!« gelesen.

Dort waren nämlich jahrelang Frauen in »unvorteilhafter« Kleidung, denen man zufällig auf der Straße, im Supermarkt usw. begegnet war, von hinten fotografiert und in der Brigitte an den Pranger gestellt worden. Angeblich so, dass sie nicht erkannt werden konnten, was ich allerdings stark bezweifle. Als »unvorteilhaft« galten hauptsächlich Miniröcke und Hotpants bei Frauen, deren Beine dicker als die von Twiggy waren; nicht von Pullover oder Jacken verdeckte Jeanshintern ab einer Kleidergröße über 36; sich unter der Bluse abzeichnende zu enge BHs oder freie Oberarme bei Frauen über 30.

Jener Schwule hatte beim CSD eine dicke Lesbe von hinten fotografiert, das Bild auf seinen Blog gestellt und außerdem noch über Twitter verbreitet. Die Frau war mit einer Jeans und einer Art Bustier bekleidet, es muss an jenem Tag sehr heiß gewesen sein. Ja stimmt, auch meiner Meinung nach war ihr die Hose viel zu eng und die Speckrollen … usw. In ungefähr 200 Kommentaren ließen sich dann die Ärsche über »fette Säue«, »unästhetische Lesben« und »Weiber, die als Schlachtvieh für Hundefutter verarbeitet werden sollten« aus.

»Göttin sei Dank. Es ist vorbei!«, stellten viele meiner Freund_innen und ich irgendwann in den letzten Jahren begeistert fest. Doch nicht allzu lange Zeit darauf merkten wir, sooo vorbei war »es« noch gar nicht, wir hatten zu früh gejubelt. Diese Menstruation ist nämlich nicht nur verdammt hartnäckig, sondern auch hinterhältig und liebt es, genau zu dem Zeitpunkt wieder in unser Leben zu treten, wenn sie überhaupt nicht mehr erwartet wird.

Nach fünf, sechs Monaten Abwesenheit taucht sie plötzlich wie aus dem Nichts wieder auf und scheint bösartig grinsend zu rufen: »Guck mal, da bin ich wieder« … nur, um kurz darauf erneut zu verschwinden. Zuvor wartet sie allerdings ab, bis frau auf der verzweifelten Suche nach der letzten angebrochen Packung Tampons die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, sämtliche Taschen und Rucksäcke ausgeleert, Kolleginnen angebettelt und im Drogeriemarkt Nachschub besorgt hat. Deshalb ist die »Beerdigung der letzten Binde« keine wirklich gute Idee, eine solche Zeremonie scheint die Menstruation als sportliche Herausforderung anzusehen.

 

»Immer noch?«, fragte mich eine junge Frau, als ich wieder mal meine Wechseljahre erwähnte. »Das dauert schon eine Weile«, antwortete ich und hatte dabei damals selbst noch keine Ahnung, wie lange sich dieser »Zustand« tatsächlich hinziehen kann. Natürlich tickt jede Frau anders und geht auch anders damit um, aber von den allerersten Anzeichen bis zur letzten kleinen Hitzewallung in einer schlaflosen Nacht vergehen schon so an die acht bis zehn Jahre, wie mir zu meinem Entsetzen schließlich eine Gynäkologin erklärte. Also müsste ich diese Frage auch heute noch mit »Ja« beantworten, falls sie mir noch einmal gestellt würde, und würde inzwischen wahrscheinlich hinzufügen: »Ich hatte ja gar keine Ahnung, was da alles auf mich zukommt.«

Eine Zeit lang war es sehr modern, Frauen einzureden, Wechseljahrsbeschwerden existierten gar nicht, sondern seien eine Erfindung der patriarchalischen Verhältnisse. Die Angst davor, keine vollständige Frau mehr zu sein, führe zu gewissen Abwehrmechanismen und den berühmt-berüchtigen Hitzwallungen. Sobald frau akzeptiere, nicht mehr schwanger werden zu können, käme sie ganz prima durch diese Zeit.

Ich muss zugegeben, mir leuchtete diese Theorie ein – wenigstens solange, bis ich feststellte, dass auch manche Lesben, die nie einen Kinderwunsch verspürt hatten, genauso wie Heteras über diverse Beschwerden klagten und Frauen wie ich selbst, deren Kinderphase bereits seit vielen, vielen Jahren abgeschlossen war, trotzdem unter Hitzewallungen, Schlafstörungen und mehr litten.

Viele Lesben aus meinem Umfeld kennen die Pille nur vom Hörensagen, mit Empfängnisverhütung mussten sie sich nie beschäftigen. Glückliche Zeiten, bis die Menstruation anfängt, ihre Scherze zu treiben und plötzlich die Frage von Hormonen, sei es als Pflaster oder als Pille, im Raum steht. Wie eine Hetera müssen sie sich jetzt damit auseinandersetzen, ob sie das aufgezwungene Rezept tatsächlich in der Apotheke einlösen oder lieber in den Papierkorb werfen.

Bis vor ein paar Jahren war das Klimakterium ebenso wie die Menstruation ein absolutes Tabuthema gewesen. Darüber wurde nicht in der Öffentlichkeit und schon gar nicht in Gegenwart von Männern gesprochen. Inzwischen geht frau/man zwar etwas lockerer damit um, doch keineswegs wirklich selbstverständlich oder jederzeit offen. Es hört sich lustig an, wenn zum Beispiel in Talkshows betroffene Schauspielerinnen darüber Witze machen und ihre kleinen Tricks verraten, wie luftige Kleidung, Zwiebellook oder tiefgefrorene Hähnchen an den Hals legen. Doch was macht eine verzweifelte Pfarrerin, die sich bei einer Beerdigung am liebsten alle Kleider vom Leib reißen würde? Die Gesichter möchte ich mal sehen, wenn sie sagen würde: »Tut mir leid, fünf Minuten Pause, ich muss mich kurz mal meiner Kleidung unter dem Talar entledigen.«

Oder welche Politikerin würde sich schon trauen, im Bundestag mit einem Fächer oder einem kleinen Ventilator in der Hand ans Rednerpult zu treten? Lieber nimmt sie einen hochroten Kopf und Schweißperlen auf Nase in Kauf – gleichzeitig voller Angst, dass irgendein Kameramann sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und mindestens einmal ihr schweißüberströmtes Gesicht in Großaufnahme zeigen wird. Eine Erfahrung, die ich ähnlich vor ein paar Wochen selbst gemacht habe. Bei einer Lesung in einer Buchhandlung, in der eh schon Saunatemperaturen herrschten. Der Pressearsch zoomte unbemerkt mein Gesicht so nah wie möglich heran. Aber selbst wenn ich es registriert hätte, was hätte ich sagen sollen? »He, Sie, lassen Sie das! Ich bin in den Wechseljahren! Nehmen Sie gefälligst Rücksicht darauf!«

Als »es« damals anfing, dachte ich: »So schlimm ist das doch gar nicht. Was die nur alle haben?« Nein, ich wollte keine Sojapräparate schlucken und mir schon gar nicht Hormone aufschwatzen lassen. Stattdessen war ich davon überzeugt, mit ein bisschen Fächern locker und fröhlich durch den Wechsel zu kommen. Jene Lesung und noch eine weitere Veranstaltung, durch die ich mich schwer atmend kämpfte, während Schweißrinnsale am ganzen Körper bis in die Schuhe herunterliefen, haben mich eines anderen belehrt: Wechseljahre sind nichts für die Öffentlichkeit, her mit den Hormonen!

Noch nie waren die Wechseljahre so interessant wie heute, könnte man wenigstens glauben, wenn man z. B. bei amazon dieses Stichwort eingibt. 2.242 Treffer zeigen an, dass darüber enorm viel geschrieben und gelegentlich dann wohl auch gelesen wird.

»Gesund und selbstbewusst« - »Voller Energie« - »Positiv und entspannt« – »dem Leben eine neue Richtung geben« lauten die jeweiligen Untertitel und machen klar, eigentlich passiert hier eine Katastrophe. Doch solange Frau im Wechsel nur laut genug pfeift, lässt sich schon irgendwie damit umgehen. Vor Kurzem hat es auch eine Minifernsehserie zum Thema gegeben, die ich mir allein schon wegen der Schauspielerinnen sehr gerne angesehen hätte, aber leider keine Zeit dafür gefunden habe.

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In der Fernsehwerbung werden Frauen ähnlich nässenden Kleinkindern dargestellt, schrieb sinngemäß schon vor vielen Jahren eine Sprachwissenschaftlerin¹. Dabei wurden die Inkontinenzhilfen damals noch gar nicht beworben. Die Wissenschaftlerin meinte die Werbung für Tampons, Binden und Slipeinlagen.

Viel scheint sich seitdem nicht geändert zu haben. Noch immer nässen Frauen ein und brauchen während der Menstruation Binden und Tampons in vielen verschiedenen Größen. In den Tagen zwischen den Tagen sind Slipeinlagen angesagt.

...weiterlesen "Beruf: heute Gynäkologe, früher Sauschneider"