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Im Jahr 1995, also vor 22 Jahren, beschlossen die Liebste und ich zu heiraten. Gesetzlich war das damals nicht möglich, selbst die Eingetragene Lebenspartnerschaft lag noch in weiter Ferne. Ein befreundeter evangelischer Pfarrer kam uns zu Hilfe und schlug eine Segnung vor. Er überließ es uns, wie die Zeremonie gestaltet werden sollte: öffentlich mit großem Tamtam oder eher still im kleinen Kreis. Wir entschieden uns für die zweite Möglichkeit. Einerseits war es natürlich verlockend, ein politisches Zeichen zu setzen, anderseits sollte unser ganz persönliches Jawort nicht zu einer Zirkusveranstaltung ausarten. Außerdem wollten wir dem Pfarrer nicht mehr Schwierigkeiten bereiten, als unbedingt nötig. Viele Menschen wussten davon, es gab ein großes Fest, aber keine_r hat ihn verraten.

...weiterlesen "Torte, Torte, Streuselkuchen. Lesben heiraten dreimal."

Auf stern.de wurde gestern Nachmittag bereits die Eheöffnung im September gefeiert. Der Herbst werde zur neuen Hochzeitssaison für Lesben, Schwule und Bisexuelle hieß es. Dabei konnte sich zu diesem Zeitpunkt Angela Merkel noch gar nicht eine "freie Abstimmung" vorstellen. Das passierte erst ein paar Stunden später.

...weiterlesen "Neongelbe Zebrastreifen oder Eheöffnung?"

Gestern gab es im Stuttgarter Landtag eine Kasperletheatervorstellung vom Feinsten: Die SPD Fraktion stellte den Antrag, die Ehe auch für homosexuelle Paare zu öffnen. Es handelte sich um einen rein symbolischen Akt ohne irgendwelche Konsequenzen. Genauso gut hätte man darüber abstimmen können, ob Nacktschnecken einen großen Bogen um unser Dorf machen sollen oder Angela Merkel karierte Blazer besser stehen als Gestreifte.

Also stellt sich die Frage, was hat sich die Partei bei dieser Zeit- und Energieverschwendung gedacht?

...weiterlesen "SPD Kasperletheater im Stuttgarter Landtag"

Der Vorfall mit der Schwester der Sozialstation hat mich nicht nur wütend und traurig zugleich gemacht, sondern mir auch den nötigen Energieschub verpasst, mich endlich einmal selbst mit meinen Krankenakten zu beschäftigen. Bisher hatte ich mich davor gescheut, sie mir näher anzusehen. Mir hatte der Mut gefehlt, denn ich wollte gar nicht so genau wissen, was darin steht und hatte es der Liebsten überlassen, sie zusammenzutragen, zu lesen und ordnen.

...weiterlesen "Krankes Gesundheitswesen 9"

Statt in der Reha laufen zu lernen und auch allgemein körperlich fitter gemacht zu werden, bin ich erneut zuhause gelandet und soll abwarten, bis die Wunde endgültig verheilt ist.  Die meiste Zeit liege ich auf dem Bett, tue mir selbst unheimlich leid, glotze Fernsehen und schlucke in regelmäßigen Abständen Schmerztabletten. Jeden Abend jage ich mir eine Thrombosespritze in den Bauch. Gelegentlich schaut mir die Liebste bewundernd dabei und bekommt erneut Wut über die vielen blauen Flecken in verschiedenen Schattierungen auf meinen Bauch. Ganz im Gegensatz zu den Spritzen der Schwestern im Krankenhaus und den zwei Tagen in der Reha hinterlassen meine Einstiche keine Spuren.

"Gelernt ist halt gelernt", bestätige ich jedes Mal wieder und sehe Schwester Annie, meine Ausbilderin während eines Pflegegrundkurses leibhaftig vor mir. Sie war sehr streng gewesen und ließ uns Schülerinnen nicht den kleinsten Fehler durchgehen. Hinter ihrem Rücken beschimpften wir sie als alten Drachen, hatten Angst vor ihr und schwitzten regelmäßig Blut und Wasser, wenn sie uns in die Mangel nahm. Eigentlich war sie schon lange aus meinem Gedächtnis verschwunden, erst mit dem Oberschenkelhalsbruch und den Krankenhausaufenthalten kehrte die Erinnerung an sie zurück.

...weiterlesen "Krankes Gesundheitswesen 8"

Die nächsten drei Tage verbringe ich wieder im Krankenhaus Hardheim. Der zuständige Arzt kann die Entscheidung der Reha Klinik nicht verstehen und scheint auch nicht so recht zu wissen, was er nun mit mir anfangen soll. "Eigentlich können Sie auch nach Hause gehen", meint er etwas zögerlich. "Über das Wochenende passiert hier sowieso nichts." Es ist die Liebste, die ihm sofort widerspricht. Nach all den schlechten Erfahrungen in den letzten Monaten vermutet sie selbst hinter freundlichen Gesichtern und Worten nur noch böse Absichten. "Und wenn es mit der Wunde schlimmer wird, sie sich zum Beispiel infiziert oder gar aufplatzt, dann schiebt man uns die Verantwortung zu und behauptet, wir hätten etwas falsch gemacht. Dreckiges Verbandsmaterial benutzt oder so ähnlich."

...weiterlesen "Krankes Gesundheitswesen 7"

Geduscht und in frischen Klamotten setze ich mich eines Abends aufs Bett, als sich plötzlich alles klatschnass anfühlt. Als hätte ich die Hosen gepinkelt oder meine Fruchtblase wäre geplatzt. Doch weder bin ich schwanger noch habe ich die Kontrolle über meine Körperausscheidungen verloren. Der Schwall Brühe kam aus der Operationswunde, nachdem sie tagelang bestens wie im Lehrbuch zu heilen schien. Die Ärzte geben sich alle Mühe, die Liebste und mich zu beruhigen. Das sei nichts Schlimmes, es handele sich um helles Wundsekret, nicht um dunkles Blut und höre sicher bald wieder auf.

...weiterlesen "Krankes Gesundheitswesen 6"

Das Krankenhaus Hardheim kannte ich bisher nur vom Hörensagen und weltfremd, wie ich in manchen Dingen leider bin, lagen die Zustände dort weit außerhalb meiner Vorstellungskraft. Die Zimmer hätten die Größe von Abstellkammern, lese ich Wochen später in einem Bewertungsportal und leider kann ich den Schreiber nur bestätigen. Knapp 10 qm sind vollgestopft mit zwei Krankenbetten, Nachttischen und Stühlen. In der Ecke neben der Tür verbirgt ein Vorhang ein Waschbecken. Gemeinschaftsduschen und Toiletten befinden sich auf dem Flur.

...weiterlesen "Krankes Gesundheitswesen 5"