Fotos, wenn der Mascara zerläuft und alle Größen in einem Outfit vereint sind?

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#609060 aufgreifen oder nicht? Für mich hätte diese Aktion zu keinem besseren Zeitpunkt beginnen können, sie passt gut zu meinem derzeitigen emotionalen Chaos – Wechseljahre, öffentliche Auftritte und (scheinbar) misslungene Fotos.

Bis vor zwei, drei Jahren habe ich mich »nur« mit meinem Körper herumgeschlagen, der feministische Kopf kämpfte beinah ununterbrochen und meist erfolglos mit essgestörten Gefühlen und den gesellschaftlichen Vorstellungen, wie eine Frau auszusehen muss. In besonders schlimmen Phasen klammerte ich mich dann gern an die Hoffnung, dieser fürchterliche Stress würde wenigstens nicht mein ganzes Leben lang andauern. Im Alter, also wenn ich mal die Fünfzig überschritten hätte, wäre es sowohl mir als auch allen anderen vollkommen egal, wie ich aussehe. Omas dürfen rundlich sein, das konnte man in jedem Bilderbuch sehen.

Leider begann diese Hoffnung, schon mit den ersten grauen Haaren zu schwinden. Dabei hätten sie eigentlich noch gar kein Problem darstellen dürfen, schließlich hatte ich mir schon als Jugendliche die Haare gefärbt. Ob nun meine ungeliebte ursprüngliche Haarfarbe oder das Grau übertüncht wurde, hätte im Grunde genommen egal sein können. Mit Omas Einzug bei uns verabschiedete ich mich dann endgültig von meiner Naivität. Ihr Beispiel zeigte: Selbst mit Neunzig ist frau nicht nur gezwungen, sich die Haare zu färben, die Fingernägel zu lackieren und über ihre Figur jammern, sondern muss sich darüber hinaus auch noch kiloweise Antifaltencreme ins Gesicht schmieren. »Ich will nicht wie ein altes Weib aussehen«, pflegte Oma zu sagen und prophezeite: »Das wird dir eines Tages genauso gehen!«

Inzwischen ist längst »eines Tages« und das Alter und die Wechseljahre haben mein Leben in puncto Aussehen und Fotos noch viel komplizierter gemacht, als es früher bereits gewesen war. Mein Körper, der unabhängig vom jeweiligen Gewicht sowieso noch nie irgendwelchen Kleidergrößennormen entsprochen hat, verschiebt die einzelnen Teile immer weiter in Richtung »alle Größen vereint in einem Outfit«. Außerdem rächen sich die manchmal extremen Gewichtsschwankungen seit meiner Jugend mittlerweile richtig bösartig in Form von Hautlappen … allein dieses Wort zu schreiben, bringt mich einer Depression nah und die »wohlmeinende« Frage einer Gynäkologin: »Wollen Sie sich DAS nicht mal chirurgisch entfernen lassen? Ansonsten sollten Sie wirklich ein Mieder tragen«, war für mein Selbstbewusstsein nicht gerade hilfreich gewesen.

Brüchige Nägel, Falten, Doppelkinn, Ringe unter den Augen und zu allem Überfluss ist es mir bisher noch nicht gelungen, Make-up, Lippenstift, Lidschatten usw. zu finden, die den Hitzewallungen und Schweißausbrüchen standhalten. Gerade jetzt, wo ich das dringende Bedürfnis habe, mich mehr denn je zu schminken, muss ich darauf verzichten, wenn der schweißgebadete rote Kopf auf einem Foto nicht noch von zerlaufendem Mascara getoppt werden soll.

Dieses Foto wurde von der Liebsten während einer Lesung gemacht:

Lesung Raubgrabung

Dieses Foto wurde während derselben Lesung von einem schlechtgelaunten Pressemenschen gemacht. Es war gerade Fußball EM der Männer, sagt wahrscheinlich alles.

http://www.morgenweb.de/region/bergstrasser-anzeiger/region-bergstrasse/das-bose-lauert-gleich-um-die-ecke-1.620613

Bei einer Lesung in Modautal

@ Pear Design

Bei einer Lesung in Aglasterhausen

@ Judith Blüthner

Zwei Fotos, die von Catrin Joergens beim Lesbenempfang in Köln aufgenommen worden sind. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie die wirklich schrecklichen Fotos von jenem Tag nicht veröffentlicht hat.

Foto 1  Foto 2

Ausschnitt aus einem Gruppenbild, das die Liebste beim CSD in Köln aufgenommen hat. Sobald ich weiß, ob die anderen Damen mit einer Veröffentlichung einverstanden sind, gibt es vielleicht das ganze Bild :-)

Daniela Zysk, Nele Tabler, Anne Bax, Sabine Arnold

Und jetzt ist es genug!


Nachtrag

#609060 oder: Mein Problem mit dem Mem

Anke Gröner greift hier einen wichtigen Aspekt auf, den ich mit einem Beispiel ergänzen will. Nach dem CSD in Köln 2011 bin ich über Twitter zufällig auf den Blog eines Schwulen geraten. Anscheinend hatte er als Kind wohl zu oft die Brigitte-Rubrik »Das waren doch nicht etwa SIE?!« gelesen.

Dort waren nämlich jahrelang Frauen in »unvorteilhafter« Kleidung, denen man zufällig auf der Straße, im Supermarkt usw. begegnet war, von hinten fotografiert und in der Brigitte an den Pranger gestellt worden. Angeblich so, dass sie nicht erkannt werden konnten, was ich allerdings stark bezweifle. Als »unvorteilhaft« galten hauptsächlich Miniröcke und Hotpants bei Frauen, deren Beine dicker als die von Twiggy waren; nicht von Pullover oder Jacken verdeckte Jeanshintern ab einer Kleidergröße über 36; sich unter der Bluse abzeichnende zu enge BHs oder freie Oberarme bei Frauen über 30.

Jener Schwule hatte beim CSD eine dicke Lesbe von hinten fotografiert, das Bild auf seinen Blog gestellt und außerdem noch über Twitter verbreitet. Die Frau war mit einer Jeans und einer Art Bustier bekleidet, es muss an jenem Tag sehr heiß gewesen sein. Ja stimmt, auch meiner Meinung nach war ihr die Hose viel zu eng und die Speckrollen … usw. In ungefähr 200 Kommentaren ließen sich dann die Ärsche über »fette Säue«, »unästhetische Lesben« und »Weiber, die als Schlachtvieh für Hundefutter verarbeitet werden sollten« aus.

Ebenfalls zum Weiterlesen

Was ist eigentlich “normal” – am Beispiel von #609060 und Brigitte

#609060 oder: was heißt hier eigentlich “normal”?

6 Gedanken zu „Fotos, wenn der Mascara zerläuft und alle Größen in einem Outfit vereint sind?“

  1. Noch junge 22, kann ich mich natürlich nicht 100%ig in deine Lage hineinversetzen. Aber da ich “sozusagen gerade” aus der Pubertät raus bin, kenne ich zumindest die Phasen des Hasses auf das eigene Aussehen und den Körper. Die Verzweiflung und die Angst, nicht mithalten zu können, nicht angenommen zu werden. Erst langsam, und auch, indem ich das mit der vorgeblichen “Norm” und dem vorgetäuschten Glücklichsein verstand, lernte ich die Akzeptanz meiner selbst (AnDieserStelleSorryWegenDesAltklugenTones!). Klar, die Albträume, nackt in der Stadt zu stehen (weil ich vergessen habe, mich anzuziehen :D), habe ich immernoch ab und an- aber mittlerweile passiert was komisches- ich tue im Traum so, als sei das alles pure Absicht. Und weil ich offen zu mir stehe, hören die Menschen auf, zu lachen- ich glaube, so ist es auch im wahren Leben. Ab und zu muss man halt beide Mittelfinger gen Himmel strecken und ein dickes fettes FUCK YOU in die Welt lachen.

    Für mich zählt weniger, wie du auf den Bildern ausschaust, sondern das Engagement, das du an den Tag legst. Das ist viel mehr wert, als alle kack Mieder der Welt.

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  2. Dieses Foto wurde während derselben Lesung von einem schlechtgelaunten Pressemenschen gemacht. Es war gerade Fußball EM der Männer, sagt wahrscheinlich alles.

    Das Foto ist eine Unverschämheit. Der Bericht dazu übrigens auch. Keine Ahnung vom Inhalt und nichts über Deine Biografie. Da spricht aus jedem Satz der pure Neid. Kein Wort von dem Privilegienpimmel aus der hintersten Provinz über die feministisch-lesbische Bloggerin. Ich habe es Dir schon oft gesagt, lass Dich auf solche Veranstaltungen nicht ein. Das ist Zeit- und Energieverschwendung.

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  3. Hi Nele,

    DU bist es tatsächlich!
    Vorgestern sind wir aus dem Urlaub in der finnischen Pampa zurückkommen. Der Gatte und die Söhne haben sich beim Angeln köstlich amüsiert und ich mich zu Tode gelangweilt. Entweder hat es geregnet oder Mückenschwärme sind über mich hergefallen. Meine eigenen Bücher hatte ich schon in der ersten Woche ausgelesen. Dann habe ich mir bei anderen deutschen Urlaubern auf dem Campingplatz Lektüre zusammengeschnorrt. Eine junge Frau hat mir „Koalas fressen Eukalyptus“ gegeben. Liebesgeschichten sind sonst nicht mein Ding und lesbisch bin ich auch nicht. Aber ich war schon so verzweifelt, da hätte ich wahrscheinlich sogar ein Telefonbuch gelesen :-)
    Natürlich ist mir Dein Name bekannt vorgekommen. Ich wusste, ich hatte ihn schon mal gehört. Aber mir fiel nicht ein im welchem Zusammenhang. Bei der Widmung fing’s dann gleich zu klingeln an und beim Kapitel mit dem Körperbild war ich mir endgültig sicher. Das musste eine geschrieben haben, die auch in Prien gewesen ist. Gestern Abend habe ich mein Priener Tagebuch vom Speicher geholt. Das ist ja schon fast ein halbes Menschenleben her. Und da war sie dann, die Nele Tabler. Und im Internet ist sie auch :-)
    Bei mir fangen die Wechseljahre gerade an und ich finde das alles nur fürchterlich. Weißt Du, dass Du stolz auf Dich sein kannst? Du zeigst Dich in der Öffentlichkeit und stellst Bilder von Dir ins Internet. Ich beneide Dich um die Freiheit, die Du Dir erkämpft hast. Lass sie Dir nicht von Wechseljahren kaputt machen!
    Jetzt werde ich mich mal durch den Blog lesen.

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  4. Bei diesem schön-schrägen Interview-Thema habe ich natürlich gleich an diesen Thread gedacht:
    http://www.sueddeutsche.de/leben/georg-ringsgwandl-ueber-altern-ich-bin-mit-meinem-koerper-ueberbeschaeftigt-1.245721

    Außerdem funktioniert die Statistik von Amazon Partnernet heute ausnahmsweise. Das Teuerste, was letzten Monat wer über meinen Link gekauft hatte, war ein Ultraschallgerät gegen Falten und Hautunreinheiten. Für 250 Euro.

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